Heiliger Abend 2016

Predigt zu Jesaja 9, 5-6

Liebe Gemeinde!


Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth. (Jesaja 9,1-6)

 

1. Gott drückt Dir heute Abend sein Kind in die Arme. Einfach so. Und ohne dich zu fragen. Du hattest gar keine Chance, dich dagegen zu wehren. Und nun ist es da.
Du schaust es an und Du weißt gar nicht so richtig, was Du damit anfangen sollst.
Es ist Dir wehrlos ausgeliefert. Wehrt sich nicht gegen deine Zärtlichkeit. Duldet es, dass Du es verhätschelst und verkitschst und ganz harmlos machst. Und – dass Du es sogar oft vergisst.
Du hast eigentlich gar keine Zeit für dieses Kind. Deine Wohnung ist nicht aufgeräumt. Die Karte an die Patentante noch nicht geschrieben. Der Streit mit dem Chef geht Dir noch nach. Und überhaupt: Du hast viel zu viel mit Dir zu tun. Was soll da dieses Kind?
Aber Gott hat es Dir heute Abend in Deine Arme gelegt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.

 

2. Gott drückt Dir heute Abend sein Kind in die Arme.
In die Arme, die so gerne umarmen. Die Du hängen lässt, wenn Du nicht mehr kannst. Und die Du zeigst, wenn Du die Ärmel hochkrempelst.
Gott drückt Dir sein Kind in Arme.
In die Arme, die im Pflegeheim eine Greisin aufrecht setzen, damit sie den Weihnachtsbaum im Gang sehen kann. In Arme, die voll bepackt sind mit Geschenken für die Nichten und Neffen. Aber auch in Arme, derer die nicht wissen wohin mit sich, weil da keiner ist, den sie umarmen können.
Gott drückt Dir sein Kind in Arme, die verschränkt sind und nichts mit ihm zu tun haben wollen. Gott drückt Dir sein Kind in die Arme, in die Arme, die am vergangenen Montagabend in Berlin auf dem Weihnachtsmarkt um Hilfe geschrien haben, als Menschen wehrlos einem fantischen Mörder zum Opfer fielen. Gott drückt Dir sein Kind in die Arme, in die Arme derer, die die Fäuste geballt haben vor lauter Wut über das, was da in Berlin geschah.
Gott drückt sein Kind in die Arme der Welt.
In die Arme einer Welt, wo Kinder keinen Platz haben. Wo sie still sein müssen und unauffällig  und wo die Karrierepläne schon in der Wiege liegen und alles perfekt geplant ist.
In eine Welt, in der die Kinder zwischen den Trümmern in Aleppo spielen. Sie haben sich daran gewöhnt - auch an die traurigen Gesichter der Eltern und Großeltern.
Oder sie warten mit ihrer kleinen Schwester am Grenzzaun von Griechenland. Sie klammern sich an die wackeligen Ränder vom Booten, die sie über das Mittelmeer in Sicherheit bringen sollten.
Gott legt sein Kind in die Trümmer von Aleppo, in das Flüchtlingslager in Griechenland und in das Boot auf den Wellen des Mittelmeeres.
Gott legt sein Kind in die Betten der Kliniken in Berlin, wo jetzt Menschen um ihr Leben kämpfen, da sie doch eigentlich nur einen schönen Abend auf dem Weihnachtsmarkt verbringen wollten. Gott macht keinen Unterschied. Sein Kind gehört überall hin. Und auch dorthin, wo es nicht hingehört.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.

 

3. Ja, liebe Gemeinde, dieses Kind passt nicht in diese Welt. Es hat noch nie da hineingepasst. Nicht zu Jesajas Zeiten. Nicht zu Marias Zeiten und zu Josefs auch nicht.
Und dieses Kind – es trägt fremde Namen, die so gar nicht zu ihm passen. Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. – ein Hoffnungsträger, das die Sehnsucht gar nicht tragen kann.
Namen einer Welt, die keine Chance bei uns hat. Denn dies Kind  ist kein Held des Krieges, kein Triumphator, kein Reiter auf hohem Ross mit Pauken und Trompeten, sondern Friedensbringer.
Einer, der auf dem Esel kommt. Der mit seiner Familie sogar fliehen muss ins ägyptische Exil. Und letztlich -  nackt und bloß am Kreuz stirbt. Gott selbst. Das Gotteskind.
Und gerade weil es nicht in diese Welt passt, kommt es in diese Welt.

 

4. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter.
Gott drückt Dir  heute Abend sein Kind in die Arme.
So verletzlich – und nur so kommt es in Dein Herz.
Und Du weißt es: Auf dieses Kleine kommt es an.
Auf das Kleine in dir. Auf das Zarte. Auf das, was dich angreifbar macht.
Du musst nicht mehr den Starken spielen.
Du musst keine Waffen tragen.
Du brauchst keine Rolle mehr zu spielen.
Du kannst einfach nur das Gotteskind sein. Mit der ganzen Liebe, die da ist und die zu Dir kommt.
Und weil dieses Gotteskind in Deinen Armen, in Deinem Herzen, nicht in diese Welt passt, kannst Du diese Welt nicht lassen, wie sie ist.
Da darf es keine Bombentrümmer geben, und keine ertrinkenden Flüchtlinge. Da darf keiner in ein Kriegsland abgeschoben werden. Und keiner an den Karriereplänen seiner Eltern zerbrechen. Und den Hass, den einige wenige in unserem Land säen wollen, auf den brauchst Du nicht mit Hass und Gewalt zu antworten.

 

5. Gott drückt Dir sein Kind in deine Arme und Du weißt dann doch, was du machen sollst.
Ob Dein Wohnzimmer aufgeräumt ist oder nicht – egal!
Du machst Dich auf den Weg zur mürrischen Nachbarin und schenkst ihr eine Blume. Vielleicht bleibt sie mürrisch. Vielleicht aber wird sie lächeln.
Oder Du überlegst Dir, wen Du noch heute zum Essen einlädst. Oder wenigstens anrufst. Und dann tust Du es.
Und weil das Gotteskind in Deinen Armen ist, machst Du nicht mit, wenn immer und immer wieder die Angst geschürt wird vor den Fremden. Eher nimmst du allen Heldenmut zusammen und sagst laut, dass die Hilfe für Fremde und Notleidende kein Luxusgut ist, das wir uns nur gönnen, wenn wir es uns leisten können. Du sagst es laut, aber mit Liebe.
Das Kind in deinen Armen lässt nicht zu, dass Menschen, die Hilfe brauchen, gegenseitig ausgespielt werden.
Es lässt Dich weinen, wenn du die Bilder aus Syrien siehst, und es sind Tränen der Liebe.
Und es lässt nicht zu, dass Du andere wegen ihres Glaubens verachtest. Denn es sind Gotteskinder - wie Du!
Du merkst, dass dieses Kind in deinen Armen überhaupt nicht harmlos ist.
Es verändert dich. Es wird die Mächtigen vom Thron stoßen und die Niedrigen erheben.
Es wird daran zerbrechen. Verglühen. Und doch leben. Mit dir und für dich. Und für diese Welt, in die es nicht hineinpasst und doch hineingehört. Wie kein anderes Kind der Welt.

 

6. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter. (Jesaja 9,5a)
Gott drückt dir heute Abend sein Kind in die Arme.
Du schaust es an und es nimmt dich ein. Voll und ganz und mit Haut und Haaren. Dich, du Gotteskind. Mit Licht im Herzen. Es verändert dich. Du öffnest deine Arme. Und du veränderst die Welt. Mit diesem Kind.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende.

 

Amen


Werner Zupp, Pfarrer

Download
Predigt am Heiligen Abend 2016 in der Marktkirche Neuwied
Predigt am Heiligen Abend 2016_Marktkirc
Adobe Acrobat Dokument 74.7 KB