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Erläuterungen zu dem Orgelkonzert "Barock - Moderne"


Marktkirche Neuwied, 2. September 2004
An der Kleuker-Orgel: Thomas Schmidt

Die Geschichte der Orgelkompositionen vollzieht sich (parallel zur Geschichte des Orgelbaus) nicht linear, sondern in Wellen. Zu den besonders fruchtbaren Epochen zählen die Zeiten des Barock, der Romantik und der Moderne. Im Jahr 2003 wurden in einem Konzert der sommerlichen Orgelreihe die Epochen Moderne und Romantik gegenüber gestellt. Im heutigen Konzert sind es Werke aus Moderne und Barockzeit.

Johann Gottfried Walther
1684 - 1748

Concerto del Sigr. Meck h-moll
appropriato all‘ Organo

  1. Allegro
  2. Adagio
  3. Allegro

Wolfgang Stockmeier
* 1931

 

Toccata III (1978)

Dietrich Buxtehude
1637 - 1707

 

Passacaglia d-moll

Christoph Nogay
* 1941

 

„Verleih uns Frieden gnädiglich“
Choralfantasie für Orgel

Georg Friedrich Händel
1685 - 1759

Voluntary VI C-dur

  1. Adagio
  2. Allegro

Olivier Messiaen
1908 - 1992

Les Bergers
aus „La Nativité du Seigneur“
Très lent - Bien modéré - Modéré, joyeux

 

Johann Sebastian Bach
1685 - 1750

Fantasie und Fuge g-moll
BWV 542

 

John Rutter
* 1945

Toccata in Seven

 

Walther: Concerto h-moll

In der Barockzeit war es beliebt, orchestrale Werke für die Orgel zu bearbeiten. Auch Bach tat das. Die auf solche Weise verarbeiteten Komponisten fühlten sich nicht etwa ihres geistigen Eigentums beraubt - sondern geschmeichelt. Ein Concerto grosso mit seinem Gegensatz von Orchestertutti und Solistenensemble läßt sich besonders gut auf einer Orgel darstellen, da die Königin der Instrumente meist mehrere Manuale (Klaviaturen) besitzt. Durch ihren Wechsel kann man die instrumentalen Kontraste gut hörbar machen - auch das reizvolle Spiel von Solo-Instrument und Begleitung. Grundlage für Walthers Orgelbearbeitung war ein Concerto grosso von Giuseppe Meck, der als Kammerdiener und später als Hofkapellmeister am fürstbischöflichen Hof in Eichstätt lebte

Stockmeier: Toccata III

Dieses Werk bedient sich der Zwölftontechnik, einer Kompositionsweise, die nach einer Periode der freien Atonalität aufkam, als das Bedürfnis nach neuen, strengen Bindungen, Ordnungen und Gesetzen entstand. Das Komponieren beginnt mit der Ordnung des Materials: Alle zwölf Töne werden in einer für jede Komposition neu erfundene Reihenfolge geordnet. Es entsteht die sog. "Reihe". Aus zwölf Tönen lassen sich 479 001 600 solcher Reihen bilden. Die Hauptregel in der Zwölftontechnik lautet: Alle zwölf Töne einer Reihe müssen erklingen, ehe sie mit dem ersten Ton wieder beginnen darf. Dabei kann man die Reihe auch rückwärts komponieren (Krebs), oder auch an einer waagerechten Achse spiegeln (Umkehrung und Krebs-Umkehrung). Bei der früheren Wiederholung eines Tones oder bei der Auslassung einiger Noten würde ein tonales Zentrum entstehen. Zwölftonmusik will aber atonale Musik sein.
Stockmeiers Toccata III beginnt mit der einstimmigen Reihe, bevor das Werk mit dem Material spielt; d.h. die Töne der Reihe erklingen gleichzeitig, zerrupft, linear oder hämmernd. In einem langen Crescendo steigert sich die Lautstärke bis zum Äußersten. Ganz am Schluß erklingt noch einmal (wie ein Schweineschwänzchen) die Reihe solo. Thomas Schmidt hatte Gelegenheit, das Werk beim Komponisten selbst zu studieren, als dieser sein Lehrer war.

Buxtehude: Passacaglia

Bei einer Passacaglia handelt es sich um eine Variationenfolge, bei der das Thema im Baß (Pedal) liegt. Es wird nicht das Thema variiert, sondern nur die Begleitung, die in den Oberstimmen, also in den Händen erfolgt. Im Barock war die Passacaglia eine geläufige Form. Im 19. Jahrhundert wurde sie allerdings fast vergessen. Seit der Wiederbesinnung auf die Musik des Barock ist sie auch eine gegenwärtige Form geworden (Opernszenen bei A. Berg und P. Hindemith).

Nogay: Verleih uns Frieden gnädiglich
Das 1983 beim Evangelischen Kirchentag in Hannover uraufgeführte Werk beginnt mit einem wuchtigen Klangberg. Direkt danach erklingt im Pedal das Choralthema, wobei hämmernde Schläge ertönen. Die Orgel wird wie ein Schlagzeug verwendet. Die erklingende Bitte "Verleih uns Frieden" wird dadurch eindrucksvoll intensiviert. Im folgenden Teil erhebt sich zunächst zögerlich, dennoch zart und später hoffnungsvoll die Choralmelodie. Sie wird immer weiter variiert, dabei aber von den Hammerschlägen mehrfach unterbrochen. Ein rhythmisch sehr straffer Abschnitt führt in den Schluß, der das Anfangsmotiv (Klangberg und Hammerschläge) ein letztes Mal aufgreift.

Händel: Voluntary VI

Um das Jahr 1776 erschien in London eine gedruckte Sammlung von Orgelstücken mit folgendem Titel: "Twelve Voluntaries and Fugues for the Organ or Harpsichord with Rules for Tuning by the celebrated Mr. Handel". Die Registrierungsanweisungen (Rules for Tuning) lassen erkennen, daß es sich in erster Linie um Orgelmusik in der Tradition der englischen Voluntaries des 18. Jahrhunderts handelt, die freilich auch auf dem Cembalo spielbar ist. Voluntary meint: Ein nicht an eine Choralmelodie gebundenes (ursprünglich improvisiertes) Stück. Ob alle Sätze tatsächlich von Händel komponiert wurden, ist nicht sicher. Manche Stücke sind von so bescheidener Qualität, daß sie als Kompositionen Händels nicht in Frage kommen. Einige dieser zwölf Stücke sind aber so reizvoll, daß sie nicht im Zwielicht der ungewissen Autorschaft verborgen blieben sollen.

Messiaen: Les Bergers

Diese Werk stammt aus einem größeren Zusammenhang, nämlich dem Orgelzyklus "La Nativité du Seigneur" (Die Geburt des Herrn). Dabei handelt es sich um neun Meditationen, die z.T. einige Personen beschreiben (Bergers = Hirten). Jedes Stück wird in breiten Klangflächen geführt, mit Klangfarben wird sparsam umgegangen, das Pedal verliert seine Rolle als Baßstimme. Messiaen schrieb nicht in der Zwölftontechnik, sondern entwickelte seine eigene Sprache (Modi). Dazu kommt (nach dem zarten, fast engelhaften Einleitungsteil und dem kurzen Mittelteil) eines jener rhythmischen Elemente, das bei Messiaen zu den hervorstechendsten Merkmalen gehört: Nämlich der hinzugefügte Wert für eine "ametrische Musik". Dabei handelt es sich um einen kleinen Notenwert, der einem beliebigen Rhythmus angefügt wird. Dadurch verliert man das Taktgefühl. Dennoch strahlt "Les Bergers" eine ungeheure Ruhe aus. Die anderen zeitgenössischen Werke des heutigen Konzertes sind lebhaft oder laut. "Les Bergers" soll dazwischen einen Ruhepunkt setzen.

Bach: Fantasie und Fuge g-moll

Das Begriffspaar Präludium und Fuge (bzw. Toccata und Fuge oder Fantasie und Fuge) ist eine Entwicklung des Barock und läßt sich am besten mit der speziellen Denkweise der Menschen dieser Musikepoche erklären: Die Fuge erfüllte mit ihrer streng regelhaften und durchgeistigten Formalität das Streben des barocken Menschen nach festgelegten Ordnungsprinzipien und Symmetrie - im Präludium hingegen manifestiert sich in besonderer Weise der (vielleicht nicht nur damals) vorhandene Gedanke der Repräsentation und einer gewissen Festlichkeit. Dieses Spannungsfeld fand seinen Niederschlag in dieser zunächst künstlichen, für uns heute jedoch beinahe selbstverständlichen Paarung dieser beiden gegensätzlichen Formen.

Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 ist ein überaus gegensätzliches Werk. Der oben schon angedeutete Dualismus zwischen Präludium und Fuge wird hier besonders deutlich. Dies läßt den Schluß zu, daß beide Teile nacheinander entstanden sind und die Fuge erst später mit der Fantasie gekoppelt wurde. Die Fantasie ist ein streng strukturiertes, im wesentlichen fünfteiliges Werk, welches vor allem durch seine - nicht nur für das 18. Jahrhundert - kühne Harmonik und die großen charakterlichen Gegensätze besticht. Die dramatisch-schäumende Fantasie steht in deutlichem Kontrast zur Fuge, deren schwungvolles, heiteres und einprägsames Thema wahrscheinlich auf ein niederländisches Volkslied zurückgeht.

Rutter: Toccata in Seven

John Rutter erhielt seine erste musikalische Ausbildung als Chorsänger an der Highgate School in London. Er studierte Musik am Clare College in Cambridge, wo er bereits vor seinem Abschluss seine ersten Kompositionen schrieb und veröffentlichte und schon seine ersten Plattenaufnahmen machte.

Seine Arbeit als Komponist umfaßt sowohl große als auch kleinere Chor-Werke, zahlreiche Orchester- und Instrumentalstücke, ein Klavierkonzert, zwei Kinderopern, Musik für das Fernsehen und spezielle Stücke für Gruppen wie Philip Jones Brass Ensemble und die King's Singers. Sein jüngstes größeres Chorwerk, Requiem (1985) und Magnifikat (1990) sind viele Male in Großbritannien, den USA und einer wachsender Anzahl anderer Länder aufgeführt worden.

Heute teilt er seine Zeit zwischen Chorleitung und Komponieren auf. John Rutter ist einer der populärsten und eifrigsten Chormusik-Komponisten der Welt, schrieb aber auch Orgelmusik. Seine "Toccata in Seven" trägt ihren Titel wegen des 7/8-Taktes, der dem Werk seinen pulsierenden Schwung verleiht.




Letzte Aktualisierung: 30.12.2005 *  © Musik in der Marktkirche Neuwied 1997 - 2005
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