Nun singet und seid froh!
Vom Kirchenchor zum Neuwieder Konzertchor –
Entwicklung der musikalischen Gruppen an der Marktkirche
Seit dem Bestehen der Marktkirche erklingt in ihr Chorgesang. Die Kantorei ist also genau so alt wie die Gemeinde.
Zwar versteht man im engeren Sinne unter dem Begriff „Kantorei“ den klassischen Kirchenchor – und nur den gab es bereits vor 125 Jahren; aber eigentlich bilden alle Gesangsgruppen einer Gemeinde zusammen die Sängerschaft, d.h. die Kantorei (lat. cantare = singen). Was vor 125 Jahren als Kirchenchor begann, ist inzwischen zu einem breiten Fächer aller Alters- und Leistungsgruppen geworden.
Darum soll im folgenden nicht nur die Entwicklung des Kirchenchores, sondern der gesamten Kantorei, d.h. aller Gruppen, dargestellt werden. Die Arbeit der Kantorei im engeren Sinne (i.e. des Kirchenchores) und des daraus resultierenden Neuwieder Konzertchores wird allerdings ausführlicher geschildert.
Ein Jubiläum ist immer damit verbunden, dankbar auf das Erreichte zurückzublicken. Und das dürfen wir auch.
Zwar heißt es: „Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes“ (Luk. 9, 62). Gemeint ist hier aber ein Blick zurück, der einen am Weitergehen, an der Nachfolge hindert. Ein Zurückschauen, das gleichzeitig ein Zurückbleiben bedeutet, ist das, was Jesus ablehnt.
Das Jubiläum der Kantorei soll aber keine Bauchnabelschau sein, kein Ausruhen auf eigenen Lorbeeren. Es ist kein Ziel, bei dem man endlich angekommen ist, sondern nur ein Meilenstein auf dem Weg.
Die folgende Darstellung der Kantoreiarbeit an der Marktkirche Neuwied geschieht nicht als Rückblick auf 125 Jahre, sondern nur als Fortschreibung der Entwicklung der letzten 25 Jahre; sie beginnt also nach der letzten Dokumentation zum hundertjährigen Jubiläum.
Grundsteine ... (1985-1992)
In den letzten 25 Jahren versah mein geschätzter Vorgänger KMD Günter Gruschwitz bis Ende 1992 das Amt als Kantor an der Marktkirche. Er führte in dieser Zeit fort, was er bereits viel früher begonnen hatte:
- Die Konzertreihe „Sommerliche Orgelkonzerte“ mit jährlich sechs bis acht Konzerten meist hiesiger Künstler. Aber auch renommierte auswärtige Organisten wie Martin Haselböck, Gisbert Schneider oder Ludger Lohmann gastierten in der Marktkirche.
- In regelmäßigen Karfreitagsmusiken erklangen u.a. die Johannes-Passion von Heinrich Schütz, Werke von Buxtehude oder Bachs „Kreuzstabkantate“. Kantatengottesdienste mit Bachkantaten oder eigenen Werken von Günter Gruschwitz waren besondere Akzente im gottesdienstlichen Leben der Gemeinde.
- Auch große Chorkonzerte fanden statt. Die „Chorgemeinschaft Neuwied“ (heute: Neuwieder Konzertchor) sang in dieser Zeit DER MESSIAS (Händel), EIN DEUTSCHES REQUIEM (Brahms) und mehrfach WEIHNACHTSORATORIUM (Bach). Einen besonderen Abschluß fand die segensreiche Amtszeit von KMD Günter Gruschwitz mit der Aufführung von Johann Sebastian Bachs MESSE H-MOLL.
- Neben der Kantorei bereicherten auch der Kinderchor und der Posaunenchor das musikalische Gemeindeleben.
Dieses Erbe fand ich vor, als ich mit meiner Familie nach Neuwied kam. Für mich war es eine Verpflichtung, auf diesem Niveau aufzubauen, dabei aber auch neue Akzente zu setzen.
... und Weiterentwicklung (1993)
Zum Beginn des Jahres 1993 trat ich das Amt als Kantor an der Marktkirche und als Kreiskantor des Kirchenkreises Wied an. Es gab die oben erwähnten gut eingeführten Kreise und Veranstaltungsreihen, an die ich anknüpfen konnte. Ich konnte aber auch Neues aufbauen.
Schnell nahmen die Kantorei, der Kinderchor und der Posaunenchor ihre Probenarbeit wieder auf. Zeitweilig gab es auch einen Blockflötenkreis von eingen jungen Mädchen. Im Dezember 1993 sang die Kantorei Bachs WEIHNACHTSORATORIUM (I-III) in einem Konzert.
Aber erst einmal der Reihe nach:
Kinderchor CRESCENDO
Zunächst galt es, aus einer kleinen Schar von acht Kindern eine größere singfreudige Gruppe zu machen. Ich lud in den Grundschulen und auch im gemeindeeigenen Kindergarten zum Kinderchor ein. Dort entstand dann sogar ein eigener Singkreis, der aber bald unter eigener Leitung weiterarbeitete.
Langsam, aber stetig wuchs die Gruppe, so daß sie so groß wurde, daß man sie in zwei Altersgruppen teilen mußte. Immer mehr stellte sich heraus, daß die Aufführung von Kindermusicals sehr zur Attraktivität des Chores beitrug.
Singspiel EDDI UND DIE WEIHNACHTSKUGEL am 2. Advent 2008
So führte der Kinderchor viele Musicals über biblische Geschichten auf, z.B. „Daniel in der Löwengrube“, „ Jona und die schöne Stadt Ninive“, „ Belsazaars Festmahl“, „ Philippus und der Kämmerer“, „ Johannes der Täufer“ und viele andere. Die Kinder lieben es, sich zu verkleiden und in Rollen zu schlüpfen. Bei vielen Ausstattungsfragen war uns übrigens in allen Jahren die Requisite des Schloßtheaters Neuwied eine große Hilfe. Dort konnten wir Kostüme ausleihen oder es wurden sogar Kulissen für uns hergestellt.
Ein ganz besonderes Erlebnis war die Aufführung des Musicals „Ritter Rost und das Gespenst“. Es handelte sich hierbei um ein ökumenisches Gemeinschaftsprojekt mit dem katholischen Kinderchor Waldbreitbach (Leitung: Peter Uhl). Außerdem machten ausgefallene Kostüme, großartige Kulissen und eine richtige Band den Erfolg der Aufführung in der ausverkauften Aula des Werner-Heisenberg-Gymnasiums aus.
Der Kinderchor CRESCENDO singt meist in Familiengottesdiensten oder im jährlichen Tauferinnerungsgottesdienst, an Erntedank und natürlich in der Adventszeit im Altenheim der Marktkirche. Auftritte außerhalb der Marktkirche fanden z.B. bei Vernissagen in der Städtischen Galerie „Mennonitenkirche“ statt, bei Stadtkirchentagen oder Vereinsweihnachtsfeiern oder beim städtischen Konzert des Neuwieder Konzertchores im Heimathaus (Carl Orff: CARMINA BURANA, 2000).
Aufführung von BELSAZARS FESTMAHL im Juni 2008
Wochenendfreizeiten im Nitztal oder Ausflüge zu den Kinderchortagen des Chorverbandes der EKiR rundeten das Angebot ab.
Übrigens: Die Bezeichnung „Crescendo“ (sprich: kreschändo) ist italienisch. In der Sprache der Musik bedeutet es „Lauter werden“. Steht in einer Partitur an einer Stelle das Crescendo-Zeichen, so soll man hier zunächst leise singen (oder spielen) und dann die Lautstärke steigern. Die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen „crescere“ ist „wachsen, entstehen“. So hat die Bezeichnung „Crescendo“ für den Kinderchor eine doppelte Bedeutung: 1. die musikalische Bedeutung im Sinne von „lauter werden“; 2. die Bedeutung des Wachsens der Kinder.
Nach sieben Jahren wurde der Kinderchor so groß, daß man aus den zwei Gruppen sogar eine dritte bilden konnte. Sie sollte aber ein eigenes Profil bekommen. So enstand der Jugendchor VIVACE.
Jugendchor VIVACE
Der Jugendchor VIVACE ging 2001 aus dem Kinderchor CRESCENDO hervor und entwickelte seitdem sein eigenes Programm. Musicals (z.B. „Take to Flight“ – eine moderne Jona-Geschichte von Gunnar Schlimme oder „Swinging Samson“ von Michael Hurd) und Gospelmessen (Ralf Grössler, Johannes M. Michel) mit Solisten und Band prägen seitdem den Stil des Jugendchores VIVACE (ital. = lebhaft). Die stilistische Bandbreite der kirchenmusikalischen Arbeit an der Marktkirche wird durch ihn erheblich erweitert.
Der Jugendchor VIVACE nach dem Weihnachtskonzert SWINGING CHRISTMAS 2008
In den letzten Jahren kam außerdem noch die Mitwirkung bei Konzerten dazu – und zwar in Zusammenarbeit mit dem Ensemble CAPPELLA VOCALE, dem NEUWIEDER KONZERTCHOR (MAGNIFICAT von John Rutter [2008] oder DIE SCHÖPFUNG von Joseph Haydn [2009]) oder der Shama Abbas-Band.
Kammerchor CAPPELLA VOCALE
Inzwischen entstand noch ein ganz anderer Chor an der Marktkirche. Seit 1997 kommen ambitionierte Chorsängerinnen und -sänger zusammen, um selten gesungene Chormusik einzustudieren und in Gottesdiensten oder Konzerten aufzuführen. Dabei ist der Chor auf keine Stilrichtung festgelegt, sondern sucht gerade in einer großen Bandbreite den besonderen Reiz.
Der Kammerchor CAPPELLA VOCALE NEUWIED
Das erste Konzertprogramm, mit dem der Chor an die Öffentlichkeit ging, war eine Zusammenstellung aus Vater unser-Vertonungen aus 9 Jahrhunderten. In den folgenden Jahren wurde der Wirkungsbereich etwas erweitert. So sang der Chor in Koblenz, Bad Neuenahr, Euskirchen und Waldbröl. Dabei erklangen Werke von Fanny Hensel, Charles Ives, Aaron Copland, Wolfgang Stockmeier, Bobby McFerrin - zunehmend aber auch Kompositionen von romantischen und modernen „Klassikern“ wie Maurice Duruflé, Heinrich Kaminski, John Rutter und Bob Chilcott. Konzertprogramme standen unter dem Motto „Gott segne und behüte dich – europäische Segenslieder aus Romantik und Moderne“ oder „Weicht, ihr Trauergeister“ (mit der Bach-Motette „Jesu, meine Freude“). Bei Probenwochenenden im Hunsrück oder auf der Ebernburg in Bad Münster am St. bereitete man sich in besonderem Maße auf die Konzerte vor.
Das Singen in Gottesdiensten bildet nicht den Schwerpunkt dieses Chores. Trotzdem gestaltete er mehrfach die Gottesdienste in der Marktkirche und sang z.B. in den besonderen Auszeit-Gottesdiensten.
Posaunenchor
In den ersten Jahren nach 1993 war der Posaunenchor, personell gesehen, noch spielfähig. Es mangelte jedoch an Nachwuchs. Nachdem einige Mitglieder aus familiären oder beruflichen Gründen Neuwied verlassen hatten, war die Restbesetzung nicht mehr spielfähig. Zur gleichen Zeit stand der Posaunenchor der Evgl. Kirchengemeinde Niederbieber plötzlich ohne Dirigenten da. Was lag näher, als sich zusammenzutun und als „Posaunenchorgemeinschaft Niederbieber/Marktkirche“ in beiden Gemeinden bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen zu spielen? Es entstand ein Stamm von ca. 15 Bläsern, der in den folgenden Jahren im Gemeindehaus Niederbieber zweiwöchentlich probte. Die Einsätze fanden dann in beiden Gemeinden statt. Es war nicht immer leicht, eine langfristige Terminplanung zu machen, die beiden Gemeinden gerecht wurde und auch realisierbar war.
Der Posaunenchor spielt im Altenheim
Jede Gemeinde hatte bestimmte Traditionstermine, die von den Bläserinnen und Bläsern in den folgenden Jahren wahrgenommen wurden; Niederbieber: Goldene Konfirmation am Palmsonntag, Waldgottesdienst, Konfirmation, Ökumensiches Gemeindefest, Open-Air-Blasen auf dem Friedhof am Ewigkeitssonntag; Marktkirche: Altenheim und Gottesdienst am 1. Advent, Adventsbasar am 2. Advent, Open-Air-Gottesdienst der ACK auf dem Marktplatz, Open-Air-Blasen auf dem Elisabeth-Friedhof am Ewigkeitssonntag. Im Jahr 1999 feierten wir mit Festgottesdienst und Konzert das 50jährige Bestehen des Posaunenchores Niederbieber. Und im Juni 2006 fand an der Marktkirche und am Neuwieder Schloß der „Rheinische Posaunentag“ statt, der von unserem Ensemble organisatorisch mitgetragen wurde.
Einige Jungbläser konnten in dieser Zeit ebenfalls ausgebildet und in die Posaunenchorarbeit eingeführt werden.
Im Zuge einer Verschiebung der Schwerpunkte meiner Arbeit mußte ich mich Ende 2006 leider aus diesem Bereich verabschieden. Leider gelang es nicht, einen Ersatz für mich als Dirigenten anzustellen, so daß diese Gruppe ihre Arbeit einstellen mußte.
Der Posaunenchor beim Waldgottesdienst im Segendorfer Parkwald
Ein Posaunenchor hat einen ganz anderen Charakter als ein Sängerchor. Bei Bläsern geht es meist sehr jovial zu. Die freundschaftliche Atmosphäre und die gemeinsamen Ausflüge zu Konzerten werden mir neben den vielen musikalischen Erlebnissen immer in Erinnerung bleiben.
Kantorei
Durch die kirchenmusikalische Erneuerungsbewegung im 20. Jahrhundert wurde die Bezeichnung „Kantorei“ für evangelische Kirchenchöre populär. Der Begriff bezeichnet also im engeren Sinn den Kirchenchor der Erwachsenen – auch wenn im umfassenden Sinn alle singenden Kreise einer Gemeinde gemeint sind.
Die Kantorei bei einer Probe im Gemeindehaus
Als der Berichterstatter die Leitung der Kantorei 1993 übernahm, bestand sie nur aus 15 Mitgliedern. Viele bisherige Chorsänger hatten altersbedingt und gleichzeitig mit dem Ausscheiden von KMD Günther Gruschwitz mit dem chorischen Singen aufgehört. Das ist ein normaler Vorgang; danach ist aber Aufbauarbeit angesagt. Schnell wuchs die Kantorei auf einen Mitgliederstamm von 25 Personen an. Und so konnte der Chor an Ostern 1993 erstmalig den Gottesdienst mitgestalten.
Singen im Gottesdienst...
Oberste Aufgabe der Kantorei ist das Singen im Gottesdienst. Durschnittlich singt sie einmal im Monat im Gottesdienst. Das geschieht meist an bestimmten Feiertagen (Karfreitag, Ostern, Advent, Weihnachten), an anderen besonderen Sonntagen (Cantate, Ewigkeitssonntag) oder bei Festgottesdiensten (z.B. Amtseinführungen, Goldene Konfirmation) – und zwar sowohl a cappella, als auch mit Orgelbegleitung oder kleinem Orchester und Solisten. Den Gottesdienst an Cantate 2001 gestaltete die Kantorei übrigens mit Obertongesang.
... und Konzert
Kleinere Konzerte, die die Kantorei alleine ausführte, waren in den letzten Jahren die Gedenkkonzerte zum 100. Geburtsjahr Jochen Kleppers (2003) und Dietrich Bonhoeffers (2006).
Proben
Um sich auf diese Dienste vorzubereiten, trifft sich die Kantorei wöchentlich zur Probe, die meist 90 Minuten dauert, phasenweise aber auch manchmal zwei Stunden. Ganze Probentage (samstags, 10 -17 Uhr) kommen bei Bedarf hinzu. Auch jährliche Stimmbildungsseminare tragen dazu bei, den Chorklang zu verbessern.
Die Kantorei bei einer Probe im Gemeindehaus
Geselligkeit
Die Geselligkeit kommt nicht zu kurz. Sie ist das „Schmiermittel“, damit es im Chor auch zwischenmenschlich „rund läuft“. Und ein gutes Klima dient wiederum der Musik. An dieser Stelle sei auf die ausführlichen Erläuterungen in dem Artikel „Singen im Chor macht Freu(n)de“ verwiesen.
Organisation
Die Kantorei hat als einzige musikalische Gruppe der Gemeinde eine Chorordnung. In ihr sind die Ziele der Arbeit und die Organisation klar definiert. Es gibt Stimmführer, den Chorrat und eine jährliche Vollversammlung.
Der Chorrat wird alle zwei Jahre neu gewählt. In Absprache mit Chorleiter und Chormitgliedern plant er die Termine für das Singen in Gottesdiensten und Konzerten, sowie weitere Aktivitäten wie z.B. Feste oder Ausflüge. Damit die Chormitglieder einen Überblick über alle Proben, Dienste und weitere Veranstaltungen haben, erhalten sie halbjährlich einen ausführlichen Probenplan.
Chorwochenenden fanden mehrfach im Forum Pallotti in Vallendar statt, im Tagungshaus der Franziskanerinnen in Waldbreitbach oder im Kloster Helgoland bei Mayen.
Seit 2001 ehren wir jährlich unsere Chorjubilare mit Urkunden und Anstecknadeln des Chorverbandes der Evangelischen Kirche im Rheinland. Dies geschieht meist im Anschluß an einen Kantatengottesdienst am Sonntag „Cantate“.
Einzugsgebiet
Die Marktkirchengemeinde hat eine lange kirchenmusikalische Tradition auf hohem Niveau. Allerdings hat sie nur wenige Mitglieder. Es gilt also, einen Spagat zwischen Anspruch und tatsächlichen Möglichkeiten zu schaffen.
Einen großen Chor in einer mitgliederschwachen Gemeinde aufzubauen, ist schwer durchführbar. Dennoch ist die Kantorei von 1993 an kontinuierlich gewachsen von derzeit 25 auf jetzt mehr als 40 Mitglieder. Tatsache ist aber: Nur ein Viertel der Sängerinnen und Sänger sind Mitglieder der Marktkirchengemeinde. Der größte Teil stammt aus evangelischen und katholischen Nachbargemeinden und kommt dabei aus einem Einzugsgebiet vom Westerwald und Hunsrück über Cochem/Mosel bis nach Düren. Es gibt also eine starke Zusammengehörigkeit innerhalb der Kantorei über konfessionelle oder geographische Grenzen hinweg. Und: Hier wird nicht nur gemeinsam gesungen, hier entstehen auch Freundschaften.
Darüber hinaus ist es möglich, weitere Sängerinnen und Sänger von außerhalb der Marktkirchengemeinde zeitlich befristet für Konzertprojekte zu begeistern. So funktioniert die Arbeit des „Neuwieder Konzertchores“.
Neuwieder Konzertchor
Eine Arbeitsweise übernahm ich nach meinem Amtsantritt sofort: Die Chorprojekte. Als Kreiskantor sehe ich als eine meiner Aufgaben an, allen Chorsängern des Kirchenkreises auch einmal ein größeres Werk zum Einstudieren anzubieten, das in ihren Gemeinden aus finanziellen oder personellen Gründen vielleicht nicht zu realisieren ist. So lud ich erstmalig zum Projekt „Weihnachtsoratorium 1993“ ein. Zum Stamm von damals ca. 20 Kantoreisängern kamen nun 50 „Mitglieder auf Zeit“ hinzu.
Der Neuwieder Konzertchor beim Neujahrskonzert 2008
Oratorienaufführungen haben in der Marktkirche übrigens ein lange Tradition. So erklangen bereits in den Jahren zwischen den Weltkriegen große Werke wie REQUIEM (Brahms), MESSIAS, SAMSON (Händel), DIE JAHRESZEITEN, DIE SIEBEN LETZTEN WORTE (Haydn) und ELIAS (Mendelssohn). Damals führte sie allerdings nicht die Kantorei oder ein Projektchor der Marktkirche auf, sondern der Städtische Gesangverein unter der Leitung von Peter Vollrath, der damals als nebenberuflicher Kirchenmusiker an der Marktkirche tätig war (im Hauptberuf war er Musik-Oberlehrer am Neuwieder Lehrer-Seminar).
Mit KMD Günter Gruschwitz begannen nach 1974 die Chorprojekte, um mit Mitgliedern kirchlicher Chöre Werke aufzuführen, die eine große Besetzung und ein großes Orchester verlangen. Die Marktkirche bietet als einzige evangelische Kirche im Kirchenkreis Wied dafür den nötigen Platz. Außerdem hat sie eine für Musik hervorragende Akustik.
Diese projektbezogene Methode sollte sich auch in den folgenden Jahren als tragfähig herausstellen. So vergrößert sich die Kantorei weiterhin in jedem Jahr einmal zu einem großen Konzertchor. In diesem Rahmen werden zeitlich befristet, d.h. für die Dauer von drei bis vier Monaten, größere Chorwerke einstudiert. Der bis dahin dafür übliche Name „Chorgemeinschaft Neuwied“ wurde später geändert in „Neuwieder Konzertchor“.
Der Neuwieder Konzertchor bei einem Konzert im Altenberger Dom 2008
Chorwerke
Nach den eingangs erwähnten Werken (siehe Abschnitt „Grundsteine ...“) wurden nach 1993 diese Kompositionen aufgeführt:
- Bach: Weihnachtsoratorium, Teile 1-3 (1993)
- Haydn: Die Schöpfung (1994)
- Bach: Johannes-Passion (1995)
- Bach: Weihnachtsoratorium, Teile 1, 4-6 (1995)
- Mendelssohn: Elias (1996)
- Fauré: Requiem und Händel: Laudate Pueri (1997)
- Puccini: Messa di Gloria und Bizet: Te Deum (1998)
- Bach: Weihnachtsoratorium, Teile 1-3 (1999)
- Orff: Carmina Burana (2000, im Heimathaus)
- Mozart: Requiem (2001)
- Bach: Magnificat, Händel: Dettinger Te Deum (2002)
- Mendelssohn: 2. Sinfonie „Lobgesang“ und „Der 42. Psalm – Wie der Hirsch schreit“ (2004)
- Rossini: Petite Messe solennelle (2005)
- Bach: Auszüge aus Weihnachtsoratorium, Pinkham: Christmas Cantata (2005)
- Mozart: Krönungsmesse, Bach: Kantate Nr 93 „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ (2006)
- Villmow: Missa Brevis [Uraufführung] (2007)
- Rutter: Magnificat, Haydn: Te Deum (mit Jugendchor VIVACE, 2008)
- Villmow: Missa Brevis [Wiederholung im Altenberger Dom] (2008)
- Haydn: Die Schöpfung (mit Jugendchor VIVACE und Kammerchor CAPPELLA VOCALE NEUWIED, 2009)
Solisten und Orchester
Hiesige Solisten wie Sabine Pagenetti, Christine Staebel (Sopran), Andrea Seeberg, Mechthild Palberg (Alt), Axel Hoffmann (Tenor), Bernd Kämpf (Baß) wirkten bei diesen Konzerten mit. Aber auch auswärtige Solisten wie Stefanie Stiller, Cornelia Samuelis (Sopran), Christine Wehler (Alt), Hans-Dieter Seibel, Max Ciolek, Andreas Post (Tenor), Philipp Langshaw, Ulrich Schütte (Baß) und viele andere traten in den Konzerten auf. An Orgel, Flügel oder Harmonium begleiteten Julia Keuter, Dr. Karsten Lüdtke, Thomas Sorger und Lukas Stollhof den Chor. Die Orchester, mit denen wir zusammenarbeiteten, waren das „Neue Rheinische Kammerorchester Köln“, die „Kammerphilharmonie St. Petersburg“, das „Akademische Orchester Bonn“, die „Capella Classica Betzdorf“ und das „Schöneck-Ensemble“.
Bei nicht abendfüllenden Werken wurden die Konzerte noch durch Orchesterwerke ergänzt (Bach: Orchestersuiten, Händel: Concerto grosso h-moll, Mozart: Violinkonzert A-dur, Smetana: Die Moldau, Borodin: Polowetzer Tänze, Bizet: Arlesienne-Suiten). Auch das hat eine lange Tradition in der Marktkirche: Bereits unter Peter Vollrath z.B. Glucks Ouvertüre zu „Iphigenie“.
Ökumene und Zusammenarbeit mit anderen Chören
Gemeinsam mit anderen Chören kam es auch zu auswärtigen Aufführungen. Mit dem Chor der Martin-Luther-Kirche Bad Neuenahr sang dort der Neuwieder Konzertchor Puccinis GLORIA-MESSE und Bizets TE DEUM. Mit der Kantorei der evangelischen Kirchengemeinde Waldbröl führte man dort gemeinsam Haydns SCHÖPFUNG auf.
Der Neuwieder Konzertchor ist ein überkonfessioneller Chor, der an der Marktkirche angesiedelt ist. Zu auch äußerlich sichtbarer ökumenischer Zusammenarbeit kam es im November 2006: Gemeinsam mit den Chören der katholischen Gemeinden Heilig Kreuz, Liebfrauen und St. Matthias sang der Neuwieder Konzertchor Wolfgang Amadeus Mozarts KRÖNUNGSMESSE – und zwar (mit Orgel- statt Orchesterbegleitung) im Hochamt an Allerheiligen in der Kirche St. Matthias und eine Woche später mit weiteren Werken als Konzert mit großem Orchester in der Marktkirche.
Auch mit dem gemeindeeigenen Jugenchor VIVACE singt der Neuwieder Konzertchor. So führten beide Chöre gemeinsam John Rutters MAGNIFICAT im Neujahrskonzert 2008 auf. Im Jubiläumsjahr 2009 steht eine gemeinsame Aufführung von Joseph Haydns Oratorium DIE SCHÖPFUNG auf dem Programm. Mit mehr als 110 Chormitgliedern insgesamt wird das schon zum Platzproblem in der Marktkirche.
Fazit
In jeder Woche kommen im Gemeindehaus ca. 90 Sängerinen und Sänger zusammen (in Projektphasen des Neuwieder Konzertchores sogar 140), um mit Hingabe und Einsatzfreude die unterschiedlichsten Werke einzustudieren. Sie nehmen jeden Dienst gleich ernst und bereiten sich auf das Singen im Altenheim ebenso gewissenhaft vor wie auf ein Konzert.
An dieser Stelle möchte ich nicht nur den Chormitgliedern für ihr jahrelanges Engagement danken, sondern auch den vielen Menschen an deren Seite. Stellvertretend für alle nenne ich hier die Ehepartner, die unsere Konzerte besuchen, und die Kinderchoreltern, die mit ihren Kindern Texte der Musicals einstudieren oder Kostüme schneidern. Sie erfahren durch ihre aktiv in den Chören tätigen Angehörigen eine Anbindung an unsere Gemeinde und unterstützen unsere Arbeit auf vielfältige Weise. Auch den Mitgliedern des Kirchenmusik-Fördervereins sei ausdrücklich Dank gesagt. Ohne deren finanzielle Unterstützung würde manches Arbeitsfeld bereits brach liegen.
Seit 125 Jahren gibt es Chöre an der Marktkirche. Darum können wir in diesem Jahr mit Dank gegen Gott ein Jubiläum feiern. Möge er allen Sängerinnen und Sängern auch in den folgenden Jahren viel Freude am Singen schenken und dass sie durch ihren Dienst selbst auch innerlich bereichert werden.
Ich schließe mit einer Äußerung keines Geringeren als Martin Luthers:
„Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut gewonnen;
denn ihr erster Ursprung ist von dem Himmel her gekommen,
weil die Engel insgemein selber Musikanten sein.“
Bei den Engeln befinden wir uns als Chorsängerinnen und -sänger also in allerbester Gesellschaft!
Thomas Schmidt |