Ein bildgewaltiges Stück Musik
in der heiligen Weihnachtszeit
Kantor Thomas Schmidt präsentiert "Es kommt ein Schiff geladen"
NEUWIED. Es gibt Stücke, die beim ersten Hören zunächst
recht sperrig wirken. Entweder stößt man sich an einer komplizierten
Melodie oder man wird durch den allzu kryptischen Text verwirrt. Einer
dieser harten Brocken ist wohl "Es kommt ein Schiff geladen".
Das auf den Mystiker Johannes Tauler (um 1300-1361) zurückgehende
Stück strotzt nur so vor metaphorischer Sprache. Durch einen raffinierten
Taktartwechsel entzieht sich die Komposition den "klassischen"
Formschemata vieler Weihnachtslieder. Trotzdem wird es wohl auch in diesem
Jahr kaum einen evangelischen Weihnachtsgottesdienst geben, in dem "Es
kommt ein Schiff geladen" nicht gesungen wird.
Bemerkenswert ist, dass es überhaupt seinen Weg ins protestantische
Gesangbuch gefunden hat, schließlich handelt es sich um ein waschechtes
Marienlied. "Das Stück steckt voller Symbole, am wichtigsten
wohl das Bild des geladenen Schiffes für die schwangere Maria",
erklärt der Neuwieder Kantor Thomas Schmidt. Allerdings betont der
Text, der im 16. Jahrhundert von Daniel Sudermann in seine endgültige
Fassung gebracht wurde, immer die untergeordnete Stellung Marias gegenüber
Gott: "Maria kommt hier die ausführende Rolle zu. Eine Frau,
ganz abhängig von Gottes heiligem Geist, sorgt dafür, dass Jesus
zu uns kommt", meint Schmidt mit Blick auf die Zeile "der Anker
Haft' auf Erden, das Schifflein ist am Land. Gott's Wort tut Fleisch uns
werden, der Sohn ist uns gesandt".
Dieses Zusammenspiel des Göttlichen und des Menschlichen stellt
für Schmidt das Faszinosum des Stücks dar: "Zunächst
beginnt das Lied im Dreiviertel-Takt, in der Musik ein Symbol für
die göttliche Dreieinigkeit. Dem wird durch den Wechsel zum Vierviertel-Takt
der irdische Aspekt der vier Himmelsrichtungen gegenüber gestellt."
Betrachtet man die Melodie, die vom tiefsten bis zum höchsten Ton
und zurück führt, fällt deren wellenförmige Struktur
auf.
Abgesehen von der bildlichen Sprache des Textes - etwa das Schiff für
Maria, der Mast als Symbol für den heiligen Geist - gleicht die Strophenstruktur
fast einer Predigt. Den Gleichnissen der ersten drei Verse folgt eine
kurze Erzählung der tatsächlichen Geschehnisse, bevor in den
Strophen fünf und sechs schließlich die Aufforderung an uns
folgt. Ein in jeder Hinsicht forderndes Stück, zumal die fünfte
Strophe mit schwerverdaulichen Worten wie "und wer dies Kind (...)
umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden, groß Pein'
und Marter viel" so gar nicht zu den süßlichen Weihnachtslied-Berieselungen
der Kaufhäuser passt. "Das Stück gehört sicherlich
nicht zu den populärsten Weihnachtsliedern", meint auch Schmidt.
Trotzdem gehört "Es kommt ein Schiff geladen" seit vielen
Jahren zu Schmidts Favoriten: "Ich müsste lügen, wenn ich
von irgendwelchen besonderen Erinnerungen erzähle, die ich mit dem
Lied verbinde. Es ist einfach die reiche Symbolik in Text und Musik, die
mich schon immer fasziniert hat." Grund genug für den Kantor,
das Stück mit ins Repertoire seines Kammerchores "Cappella Vocale"
aufzunehmen.
Peter Bongard
in der Rhein-Zeitung Neuwied am 10.12.2003
Wer in die rätselhafte Stimmung von "Es kommt
ein Schiff geladen" eintauchen möchte, kann dies am Sonntag,
14. Dezember 2003, um 17 Uhr tun: Dann wird der Chor das Lied im Rahmen
eines "Auszeit"-Gottesdienst in der Marktkirche Neuwied aufführen.
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