Ein reizvoller Griff
in die chorische Raritätenkiste
Cappella Vocale Neuwied auf musikalischer Entdeckungsreise: Selten
aufgeführte Werke im Gemeindehaus der Marktkirche
NEUWIED. "Unbekanntere und selten aufgeführte Werke zu erarbeiten"
hat sich der von Kreiskantor Thomas Schmidt gegründete und geleitete
zwölfköpfige Chor Cappella Vocale Neuwied zum Ziel gesetzt. Dabei
ist man nach eigenem Bekunden "auf keine Stilrichtung festgelegt,
sondern sucht gerade in einer möglichst großen Vielfalt den besonderen
Reiz." Getreu diesem Motto erklang beim "Chor-Klavier-Konzert" im
Saal des neuen Gemeindehauses der Marktkirche Romantisches, Spätromantisches
und Zeitgenössisches in überaus bunter Folge. Vorgestellt wurde
auch ein so ungewöhnliches "Chorwerk" wie die 1930 entstandene "Fuge
aus der Geographie für sprechenden Chor" des in Wien geborenen und
später in den USA lebenden Juden Ernst Toch, der den Effekt tonlos
gesprochener Musik durch die rhythmisch-versetzte Aneinanderreihung
von Städte-Namen (Ratibor) und Landschaften bis an die Grenze des
sprachlichen Machbaren ausreizt. Viel Beifall für diese perfekte
"Sprachleistung" der zwölf Choristen. Mit sichtlicher Vorfreude
auf die neuen Stücke, aber in gewohnt unaufdringlicher Manier gab
Thomas Schmidt auch informative Erläuterungen zu Komponisten und
Chorwerken. An den Konzertbeginn wurde ein neutöniges "Viva la musica"
des zeitgenössischen österreichischen Komponisten Ivan Eröd gesetzt.
Danach folgten unmittelbar zwei Chorwerke der zu ihren Lebzeiten
unterschätzten Mendelssohn-Schwester Fanny Hensel, die in der Romantik
entstanden, aber sehr modern klingen. "Jung und frisch", wie es
Thomas Schmidt auch für die selten aufgeführten älteren Werke des
Programms prophezeit hatte. Das aufgeführte letzte Chorwerk der
1847 verstorbenen Komponistin "Nacht ruht auf fremden Wegen" auf
einen Heine-Text wurde gar erst 1997, 150 Jahre nach ihrem Tod,
veröffentlicht, während "Im Herbst" auf einen Text von Ludwig Uhland
noch zu ihren Lebzeiten gedruckt wurde.
Vier diffizile Songs des skurrilen amerikanischen Komponisten Charles
Ives, einer in jeder Beziehung schillernden Persönlichkeit (1874
bis 1954), erklingen in der Originalsprache, darunter ein Wiegenlied,
ein Abendlied, bei dem das begleitende Klavier die Abendglocken
imitiert, und ein "sperriger" Walzer als Persiflage auf ein Tschaikowski-Thema
- chorische Miniaturen von höchster Sensibilität. Dazu gesellt Thomas
Schmidt mit seinen spannungsvoll und präzise singenden "Zwölfen"
(acht Damen und vier Herren) das bekannte "Zigeunerleben" von Robert
Schumann. Ein sehr schön ausgesungenes "Dirait-on" des amerikanischen
Komponisten Morten Lauridsen folgte mit einfühlsamer Klavierbegleitung
dem Text eines zarten französischen Liebesgedichtes von Rilke -
und dieses "jüngste" Chorwerk des Programms erweist sich als sehr
klangvoll, fast romantisch - verkehrte Chorwelt!
Als publikumswirksamer "Knüller" zum Programmschluss "Name that
tune", ein Werk des ehemaligen Kings-Singers-Mitgliedes Grayston
Ives - ein musikalischer Spaß, eine Collage mit witzig gemixten
Musikzitaten aus Figaro, Carmen, Beethovens 5. Sinfonie und Ave
Maria - da springt der Funke über auf das anfangs etwas reservierte
Publikum. Am 100 Jahre alten Flügel sitzt die in Litauen geborene
und seit 1997 in Deutschland lebende Klavierlehrerin und Konzertpianistin
Julia Keuter, die nicht nur den Chor bei den verschiedenartigen
Chorliedern adäquat begleitet, sondern mit einem expressiven "Etüde-Bild
a-moll" von Sergej Rachmaninow, in der der Titel "Rotkäppchen und
der Wolf leicht musikalisch nachempfunden werden kann, und der spannungsgeladenen
Etüde c-moll von Frederic Chopin markante musikalische Zeichen im
einstündigen Programm setzt.
Daß Thomas Schmidt nach diesem "verschmitzten" Programm noch einen
besonderen Gag parat hatte, war zu erwarten, und die "Bankettfuge",
zusammengesetzt aus englischen Eßgeräuschen jeder Art (!)
erfüllte diese Erwartungen. "Es hat uns, gereizt, einmal andere
Literatur zu singen, als sie sonst in kirchlichen Räumen erklingt'',
betonte Thomas Schmidt zum Schluß - sicher eine gelungene Premiere
im neuen Gemeindesaal, der sich trotz der etwas trockenen Raumakustik
für weitere "musikalische Taten" anbietet.
Herbert Kutscher
in der Rhein-Zeitung am 21.9.2000
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