Ein ungewöhnliches Duo ging in der Kirche auf Klangforschung
Eine seltene Paarung: Andrew Joy und Professor Peter Dicke gaben in
Neuwied ein hörenswertes Konzert mit Waldhorn und Orgel
NEUWIED. "Konzerte mit Orgel und Trompete gibt es viele - Veranstaltungen
mit Orgel und Horn sind allerdings sehr selten". Wie recht Kantor
Thomas Schmidt bei seinen Begrüßungsworten in der Kirche doch
hatte.
Der Auftritt des australischen Hornisten Andrew Joy und Professor Peter
Dicke aus Köln an der Orgel der Marktkirche war in der Tat so etwas
wie eine musikalische Ringeltaube: Einerseits wegen der ungewöhnlichen
Besetzung, andererseits wegen der frechen Programmzusammenstellung, die
nur selten so kontrastreich wie an diesem Abend ausfällt.

Der in Perth geborene Andrew Joy hat die harte Schule des ventillosen
Naturhorns durchschritten und es auf diesem äußerst schwer
spielbaren Instrument zur Meisterschaft gebracht. Seinem Spiel auf dem
(nicht ganz so unbarmherzigen) Waldhorn hört man die fundierte Ausbildung
an: Joys Ton ist warm, klar und frei von der typischen klanglichen Behäbigkeit,
mit der das Instrument weniger geübte Spieler bestraft. Joy ist ein
Klangästhet, der den Ton des Horns wie einen König behandelt:
Er huscht nicht über die Passagen hinweg, sondern gibt jeder einzelnen
Note viel Zeit, um sich zu entfalten. Außerdem achtet der Musiker
penibel darauf, dass der makellose Klang durch nichts beeinträchtigt
wird und entfernt bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Kondenswasser
aus seinem Instrument.
Es ist schon bemerkenswert, dass soviel klangliche Eleganz und Reinheit
von der mächtigen Kleuker-Orgel stets eingerahmt anstatt überrumpelt
wurde. Keines der beiden Instrumente spielte sich unangenehm in den Vordergrund,
stattdessen verwoben sie sich spätestens bei Hans Georg Pflügers
"Concerto in zwei Sätzen" zu einem homogenen Klangteppich.
Dank des opulenten Halls des Gotteshauses fiel es schwer, die beiden Instrumente
selbst dann auseinander zu halten, wenn man sich in ihrer unmittelbaren
Nähe aufhielt. Zum akustischen "Einheitsbrei" geriet das
Konzert allerdings nicht: Zu facettenreich war Joys Einsatz verschiedener
Spieltechniken, die sich von Mangelsdorffschen "Harmonics"-Gesängen
bis hin zu verschiedenen Abdämpf-Methoden erstreckten.
Mit einer ebenso überzeugenden klanglichen Kreativität ging
auch Peter Dicke vor. Registrierte er die frühen Stücke von
Christoph Förster oder Joseph G. Rheinberger angemessen traditionell,
setzte er spätestens bei Bachs Duetten (BWV 803 und 804) auf Kontraste:
Die zweistimmigen, virtuos ineinander verzahnten Klangwunder lebten von
dem Dialog zwischen der harschen Zungenpfeife und des sanft säuselnden
Flötenregisters. Bei Pflügers "Concerto" stand der
klangliche Aspekt schließlich vollends im Vordergrund. Brachiale
Cluster - Tonschichtungen aus mehreren aufeinander folgenden Noten -wechselten
sich mit geheimnisvollen Flächen ab. Harmonische Bezüge wurden
währenddessen völlig aufgelöst, stattdessen dominierten
bedrohliche Tonwolken.
Womit das zweite Bemerkenswerte des Abends angesprochen wäre: Das
abwechslungsreiche Programm. Zwar war der Barock mit Kompositionen Johann
Sebastian Bachs und dessen Zeitgenossen Christoph Försters wieder
einmal tonangebend. Allerdings boten die Werke der Neutöner Pflüger
und Sigurd Berge starke Kontraste zum barocken "Standard". Insgesamt
war es also ein sehr ungewöhnlicher Abend - nicht nur wegen der seltenen
Paarung von Waldhorn und Orgel.
Peter Bongard
Rhein-Zeitung, Ausgabe Neuwied am 14.9.2004
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