|
Kantor bot musikalische Delikatessen
Sommerliches Orgelkonzert in der Neuwieder Marktkirche - Zugaben fielen
heiter aus der Rolle
NEUWIED. Mit den traditionellen sommerlichen Orgelkonzert-Zyklen bietet
Kreiskantor Thomas Schmidt immer neue und interessante musikalische Delikatessen.
Das zweite Konzert der diesjährigen Reihe widmete sich dem Zusammenspiel
von Orgel und Violoncello.
Thomasius Gärtner, ein namhafter Violoncello-Virtuose, und Thomas
Schmidt an der Kleuker-Orgel boten ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches
Programm. Unverkennbar, dass eine exzellente Vorbereitung vorausgegangen
war. Sehr einfühlsam zurückhaltend, aber akzentuiert agierte
Schmidt an der Orgel, so dass die vollen, weichen Klangfarben des Cello
ganz zur Geltung kommen konnten.
Eröffnet wurde das Konzert mit einem Werk des Hochbarock von Georg
Friedrich Händel, die viersätzige Sonate C-Dur für Violoncello
und Organo concertato, perlend wie eine Wasserquelle und leichtfüßig,
wie Tanzschritte anmutend. Die nächsten drei Kompositionen erwiesen
sich als ausgesprochen schön in der Bearbeitungen für Orgel
und Cello: Gabriel Faurés "Après un rêve"
("Nach einem Traum") ist eines seiner vielen Lieder feinsinniger
Poesie und ausdrucksstarker Gefühle. Als "pianistische Miniaturen"
komponiert, haben die "Lieder ohne Worte" Felix Mendelssohn-Bartholdy
einst bekannt gemacht; eines dieser kleinen zauberhaften, die Phantasie
anregenden Lieder, die er angeblich "für die Damen" schrieb,
konnte das Publikum an diesem Abend genießen.
Das besonders meisterhafte Stück von Camille Saint-Saens mit fast
meditativem Charakter, "Der Schwan" aus "Karneval der Tiere",
hob vorzüglich das sensible Zusammenspiel der beiden Instrumente
hervor. Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 2 d-Moll für Violoncello
gab nun auch die Gelegenheit, Thomasius Gärtner als Instrumentalsolist
zu hören. Die Komposition (von fast zwanzig Minuten Dauer), bestehend
aus Prélude, Allemande, Courante, Sarabande, Menuet I + II und
Gigue, hatte Bach wohl für die hervorragenden Solisten der Hofkapelle
in Köthen gedacht und ist ein wunderbares Beispiel der verhaltenen
Suggestionskraft Bachs, von Gärtner gefühlvoll und angenehm
raumfüllend ausmusiziert.
So manche Person aus der Zuhörerschaft wird im ersten Augenblick
erschrocken sein, als plötzlich stimmgewaltig die Kleuker-Orgel solistisch
zum Einsatz kam. "Aus tiefer Not schrei ich zu dir", Mendelssohns
zweisätzige Sonate Nr. 3 A-Dur, aus der Reihe der 1844/45 entstandenen
sechs Orgelsonaten, klang majestätisch und sehr orchestral anmutend
durch die Marktkirche und zeugte eindeutig vom Geist ihres Schöpfers.
Dann wurde es mit Antonio Vivaldis spätbarocker Sonate Nr. 1 B-dur
für Violoncello und Basso continuo wieder ruhiger, malerisch gar
und besinnlich. Ein bekanntes Werk des Venezianers Tomaso Albinoni, das
sich bis in unsere Zeit besonderer Wertschätzung erfreut, sollte
den Abschluss dieses Abends bilden: das Adagio g-moll (Bearbeitung für
Violoncello und Orgel von Vilmos Lesko), noch einmal ein empfindsames,
hingebungsvolles Klangwerk. Mit zwei Zugaben, die beschwingt und heiter
aus der Rolle fielen, Melodien aus Charlie Chaplins Stummfilmen, wurde
ein begeistertes Publikum entlassen.
Susanne Isaak-Mans
|