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Die Liebe als Gesamtkunstwerk in Bild, Text und Musik gezeigt
"Lied der Lieder" bildete den Abschluss der diesjährigen
Sommerlichen Orgelkonzerte in der Marktkirche: Komponist des Werkes reiste
aus Köln an
Von Herbert Kutscher
NEUWIED. Einen krönenden Abschluss der "Sommerliche Orgelmusiken"
in der Marktkirche hatte Kreiskantor Thomas Schmidt versprochen, und der
eifrige Initiator der Reihe behielt Recht: Auf die auf der Empore versammelten
treuen Orgelfans wartete in der Tat ein besonderes Erlebnis von "Musik
für die Augen".
Aufgeführt wurde ein Werk des 1936 in Königsberg geborenen
und in Köln wirkenden Henning Frederichs. Das Besondere: Der Komponist
war zugegen und wurde von Thomas Schmidt mit besonderer Freude als "ehemaliger
Lehrer" in Neuwied begrüßt. Unter dem Titel "Shir
ha-Shirim" ("Lied der Lieder") hat Frederichs fünf
Bildbetrachtungen über das "Hohelied Salomonis" auf Gemälde
von Marc Chagall für Oboe dámore und Orgel vertont. In der
Marktkirche wurden sie von Anne Sabine Volk (Oboe), Lehrerin an der Musikschule
Solingen, und Kirsten Schweimler (Orgel), Kantorin in Wuppertal interpretiert.
Die beiden Musikerinnen hatten das Werk bereits 1999 bei der Uraufführung
in Wuppertal aus der Taufe gehoben. Ein "Gesamtkunstwerk" sozusagen,
bei dem die von Thomas Schmidt gelesenen Texte, die per Dia präsenten
farbenfrohen Bilder von Marc Chagall und die Musik von Henning Frederichs
einen starken visuellen und akustischen Eindruck hinterließen. Die
in vielfältigen Rottönen gehaltenen Bilder - ausgestellt im
Chagall-Museum in Nizza - zeigen entsprechend dem Bibeltext des salomonischen
"Hohen Liedes" die Liebe zweier Menschen in vielen Facetten
von Sehnsucht, verzehrender Leidenschaft und glücklicher Zuneigung.
Die Komposition von Henning Frederichs geht sowohl den Bildern, als auch
den ungewöhnlichen Bibeltexten nach und zeigt in ihrer bildhaften,
gleichzeitig über weite Strecken durchaus ungewohnten Tonsprache
- da wird auch in die Oboe gehaucht, geseufzt und gesungen - die Leidenschaft
Liebender in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen.
Man betrachtete Chagalls bekannte Bilder und lauschte gebannt auf die
spannungsvollen Klänge von Orgel und Oboe, wobei wieder einmal deutlich
wurde, wie gut diese beiden Instrumente doch klanglich zueinander passen.
"Ich liege und schlafe, aber mein Herz ist wach" begann mit
leisem Hineinhauchen in das Instrument, Herzschläge hinein in die
ersten Töne der Orgel, gehetzte Atemgeräusche, Schreie der gequälten
Seele, Melodiefetzen, die den Bibeltext rezitieren.
Beim zweiten Satz und Bild, "Zieh mich hin zu dir, lass uns eilen",
setzten Orgel und Oboe die jagende Eile zweier Liebender auf der Flucht,
versinnbildlicht durch aufsteigende Tonfolgen, in dialogischen Motiven
in plastische Töne um. Erregte Taktwechsel, stammelnde Tonwiederholungen,
Triller und Tremoli der Orgel drückten im dritten Satz Leidenschaft
mit musikalischen Mitteln aus: "Setze mich wie ein Siegel auf dein
Herz". Festlich und aufwärts gerichtet, so wie das Brautpaar
auf Chagall's Bild, die Musik des vierten Satzes: "Am Tag seiner
Hochzeit". Eine hymnische Toccata, überraschend über das
Lied "Wie schön leuchtet der Morgenstern", bildete den
Schlusssatz - "Wie schön bist du". Jubel in virtuosen Toccatafiguren
der Orgel und bitonal verschränkt zwischen Oboe und Orgel schimmerte
das bekannte Lied durch, im übrigen beileibe kein Adventslied, wie
immer vermutet, sondern "ein geistlich Brautlied". Nach kurzer
Verschnaufpause erklang das hochinteressante Werk noch einmal im musikalischen
Zusammenhang, ohne verbale Bilderläuterungen und Bibeltexte, allerdings
wieder zu den eindrucksvollen Chagall-Bildern. Ein wirklich "krönender
Abschluss" der Orgelreihe mit hochrangigen Organisten und Künstlern,
Beifall für beide Künstlerinnen und den Komponisten und die
Gewissheit, dass auch 2002 in der Marktkirche die Kleuker-Orgel wieder
sommerlich erklingen muss.
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