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Vom heftigen Orgel-Lärm bis zur gespielten Stille
Musik (nicht nur) für Schwerhörige und Gehörlose: Thomas
Schmidt mit einem etwas anderen Konzert in der Marktkirche
NEUWIED. Kreiskantor Thomas Schmidt hat für die Orgelkonzerte an
"seiner" Kleuker-Orgel in der Neuwieder Marktkirche immer wieder
neue Ideen, diesmal sogar eine ganz außergewöhnliche: "Musik
(nicht nur) für Gehörlose - Orgelwerke zum Sehen und Fühlen"
war das auf den ersten Blick schwer nachvollziehbare Motto für das
Eröffnungskonzert der "Sommerlichen Orgelmusiken" in der
Marktkirche, die in diesem Jahr nach einjähriger Pause wieder aufgelebt
sind.
Dabei sollten schlecht oder gar nicht hörende Menschen Musik empfinden
in Verbindung mit Bildern oder durch das Erfühlen der vibrierenden
Orgelklänge - weshalb Thomas Schmidt alle Werke auch durchgängig
besonders laut spielte. "Augenmusik", also "Musik zum Sehen",
bot schon das erste Stück, als Thomas Schmidt mit imposanten Klängen
die Erschaffung der Sonne und des Mondes aus Joseph Haydns "Schöpfung"
für die Orgel adaptierte, optisch unterstrichen von farbenfrohen
Bildern der beiden Himmelskörper. "Mit keinem anderen Instrument",
sagt Schmidt, "kann man unterschiedliche Situationen mit so unterschiedlichen
Klangfarben - Registern - darstellen wie mit der Orgel, der Königin
der Instrumente."
Eine besondere Art der "Musik fürs Auge" zeigte der Kreiskantor
dann den staunenden Zuhörern, als er in den beiden Choralvorspielen
"Vom Himmel hoch" und "Durch Adams Fall ist ganz verderbt
menschlich Natur und Wesen" von Johann Sebastian Bach die Noten durch
Linien miteinander verband und damit optisch liegende Kreuze erkennbar
werden ließ: "Bach als der Liebhaber von Symbolen". Nummeriert
man das Alphabet durch und setzt den Namen Bach in Zahlen um, so addiert
er sich zur Zahl 14. Im ersten Hör~ererlebnis verborgen, finden sich
folgerichtig 14 Kreuze, mit denen Bach das Werk gewissermaßen "unterschreibt"
- und durch die Kreuz-Symbolik im Weihnachts-Choral auf die Karwoche hinweist:
Passion!
Bei Adams Fall wird ein zweimaliges Absturzmotiv (den Sündenfall
symbolisierend) in der Partitur erkennbar - quasi "ein Sündenfall
mit Gleichberechtigung", obwohl der Text des Liedes nur Adam erwähnt
und nicht Eva?
Clou des Abends ist die 1962 entstandene Komposition "Volumina"
des ungarischen Komponisten György Ligeti, die nicht in normaler
Notenschrift geschrieben ist, sondern mit schwarzen und weißen Clusterbalken,
dicken Linien. Thomas Schmidt spielt dabei mit seinen Füßen
im Pedal soviel Töne gleichzeitig, wie er nur erreichen kann, und
lässt mit seinen breit auf den Manualen liegenden Armen lang anhaltende
Vollcluster erklingen: ein seltsamer Klang und gewiss kein alltägliches
Hörerlebnis. Das gilt umso mehr, als später in einer wilden
Stelle der Partitur so schnell als möglich so viele Töne wie
möglich gespielt werden.
Zum Schluss geht der Orgel dann im wahrsten Wortsinn "die Luft aus":
Denn Ligeti schreibt vor, dass mitten in einen lange liegenden Clusterklang
hinein die Orgel ausgeschaltet wird, verhaucht. Aber auch dann ist das
Stück noch nicht zu Ende, denn der Organist lässt nach der "Regieanweisung"
Ligetis seine Hände noch eine halbe Minute auf den Tasten - und spielt
"Stille".
Wie als "Klangversöhnung" gab's zum Schluss die spätromantische
Toccata aus der Suite gothique von Leon Boellmann: schnelle Läufe,
gebrochene Dreiklänge und ein markantes Pedalmotiv. Schmidt: "Wie
ein Krimi!"
Viel staunender Beifall der treuen Orgelfans war der Lohn - nicht nur
für das vorbildliche musikalische Tun von Thomas Schmidt, sondern
auch für seine hochinteressanten Erläuterungen.
Herbert Kutscher
Das angekündigte Orgelkonzert der Orgelreihe am morgigen Donnerstag,
23. August, muss wegen Erkrankung der Organistin ausfallen. Die Reihe
wird fortgesetzt am Donnerstag, 30. August, mit Lothar Knappe (Berlin)
unter dem Motto "Raum-Zeit-Klang".
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