Konzertabend auf höchstem Niveau
Das Neuwieder Streichquartett spielte Haydn in der Marktkirche - Gefühlvolle
Interpretation
NEUWIED. Ein Tag tiefster Einkehr und Besinnung wie kein anderer im Jahr
ist der Karfreitag. Im Gedenken an Jesu Kreuzestod wird der Mensch geradezu
aufgefordert, sich seines eigenen Lebens und Sterbens bewusst zu werden.
Wie groß das Bedürfnis am vergangenen Karfreitag war, den Alltag
hinter sich zu lassen und sich zu sammeln, bewies die gut besuchte Marktkirche.
Dorthin waren viele gekommen, um Josef Haydns "Die sieben Worte unseres
Erlösers am Kreuze", vorgetragen vom Neuwieder Streichquartett,
in stiller Andacht zu hören.
Haydn schuf diese Komposition als Auftragswerk, das 1786 in der Höhlenkirche
Santa Cueva im andalusischen Cádiz, uraufgeführt wurde. Über
die Entstehung schrieb er: "Nach einem zweckmäßigen Vorspiele
bestieg der Bischof die Kanzel, sprach eines der sieben Worte aus, und
stellte eine Betrachtung darüber an. So wie sie geendigt war, stieg
er von der Kanzel herab und fiel knieend vor dem Altare nieder. Diese
Pause wurde von der Musik ausgefüllt. Dieser Darstellung musste meine
Composition angemessen seyn. Die Aufgabe, sieben Adagios wovon jedes gegen
zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer
zu ermüden, war keine von den leichtesten...".
Hadyn hatte das Stück zunächst als Orchesterfassung entworfen,
kurze Zeit später aber auch in der Fassung für Streichquartett
und schließlich als Oratorium. Das Konzert in der Marktkirche führte
die Zuhörer in eine stimmungsvolle Atmosphäre inniger Meditation,
in musikalisch nachempfundene Leiden und Schmerzen, aber immer wieder
auch Trost und Heilsgewissheit. Sensibel und mit großer emotionaler
Hingabe agierte das Neuwieder Streichquartett mit Kai Link (Violine),
Silke Link (Violine), Almut Wenzel (Viola) und Martin Geiger (Violoncello).
So wurde auf bewegende und eindrückliche Weise die tiefe Gläubigkeit
Haydns zum Ausdruck gebracht.
Pfarrer Werner Zupp zeichnete den Weg Jesu anhand der entsprechenden
Bibelstellen einfühlsam nach. Eine Fülle an Stimmungen und Klangfarben
durchströmte dieses musikalische Arrangement, getragen von gestalterischer
Kraft und melodischer Schönheit, das bereits in der Einleitung die
gesamte Vielfalt der Stimmungen, Mitleid, Klage, Trauer und Hoffnung andeutet.
Wie ein Seufzer wirkt das erste Wort ("Vater, vergib ihnen, denn
sie wissen nicht, was sie tun"), feierlich mutet die Paradiesverheißung
an ("Heute wirst du mit mir im Paradies sein"), behutsam und
herzlich ist das letzte Gespräch mit der Mutter ("Mutter, siehe,
dein Sohn").
"Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" zeigt Jesus aufgewühlt
und fassungslos und steigert sich ins schmerzlich klagende "Mich
dürstet". Tröstlich und einen kleinen Schimmer Freude durchklingen
lassend folgt "Es ist vollbracht". Die letzten der sieben Worte
gleichen einem vertrauensvollen, fast liedhaften Gebet ("In deine
Hände, Herr, befehle ich meinen Geist"), das schließlich
in das eindrucksvoll-düstere Erdbeben tonmalerisch prägnant
mündet. Sehr schön ist den Ausführenden die Umsetzung dieser
großartigen, emotionalen Tonsprache Haydns gelungen. Sicher noch
lange wird das Publikum dieses ergreifende Konzert in Erinnerung behalten.
Susanne Isaak-Mans
aus: Rhein-Zeitung, 13.4.2004
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