Bewegend: "Lobet den Namen des Herrn!"
Die Uraufführung der Gruschwitz-Vesper in der Marktkirche begeisterte
das Publikum
NEUWIED. Das ist nicht alltäglich in der Neuwieder Musikszene: Die
Uraufführung eines großen Werkes für Soli, Chor und Orchester
eines Neuwieder Komponisten, aufgeführt von überwiegend einheimischen
Künstlern! So geschehen vor einem begeisterten Publikum in der Marktkirche
mit der 1995/96 entstandenen "Deutschen Vesper" des Neuwieder
Kirchenmusikers Günter Gruschwitz unter dem Sinn gebenden Motto "Lobet
den Namen des Herren" - für Gruschwitz "Anlass und Antrieb
bei der Entstehung des Werkes".
Seit Monaten war es Günter Gruschwitz eine Herzensangelegenheit,
das Werk, gewidmet "der ökumenischen Chorarbeit in Neuwied"
in seiner Heimatstadt erklingen zu lassen, dazu an seiner alten musikalischen
Wirkungsstätte, der Marktkirche. Er gewann dazu als kompetente Ini~tiatoren
die Neuwieder Kirchenmusiker Bernd Kämpf, der sich mit seinem für
neue musikalische Dinge aufgeschlossenen Kammerchor Neuwied der chorischen
Einstudierung annahm, und des jetzigen musikalischen Hausherrn der Marktkirche,
Kantor Thomas Schmidt. Beide brachten in ökumenischer Eintracht das
8O-minütige Werk in Zusammenarbeit mit der Stadt Neuwied zur Uraufführung.
Nach Bekunden des Komponisten, der sich von Monteverdis "Marienvesper"
inspirieren ließ, ist der musikalische Ausdruck des Werkes im Gegensatz
zu seinen anderen Kompositionen "gemäßigt modern",
die "Klänge orientieren sich eher an der alten Musik, vorgegeben
durch die der Vesper zugrunde liegende Gregorianik".

Die Zuhörer erleben ein bewegendes, vielschichtiges Werk, bei dem
Günter Gruschwitz die Psalmtexte 110, 111, 112 und 113, das Responsorium
und den Hymnus, aber auch, für einen evangelischen Kirchenmusiker
sicher ungewöhnlich, das Magnificat, den "Lobgesang der Maria",
in musikalisch beeindruckender Weise verarbeitet hat - ein großer
kompositorischer Wurf! Gruschwitz setzt dabei Chor, Solisten und Orchester
im feinfühligen Wechsel ein. Das nur für diesen Anlass zusammengestellte
Orchester (Konzertmeisterin Silke Link), ebenfalls durchsetzt mit vielen
bekannten Neuwieder Gesichtern, und Thomas Schmidt an der Truhenorgel
musizieren unter dem wie immer souveränen Dirigat von Bernd Kämpf
die nicht einfachen Klangbilder erstaunlich homogen. Gleiches gilt für
die bewährten Neuwieder Solisten und ihre vom Komponisten recht schwierig
geführten Stimmlagen. Einmal mehr sticht dabei der junge Bassist
Christian Palberg mit klarer, akzentuierter Bassstimme hervor. Er steht,
eine seltene Konstellation, neben seiner Mutter Mechthild Palberg, die
die Alt-Soli abgeklärt vorträgt. Christine Staebel (Sopran)
und Axel Hoffmann (Tenor) meistern ihre Partien mit großer innerer
Anteilnahme.
Beim Responsorium dirigiert Sabine Paganetti, die auch solistisch zum
Einsatz kommt, und Bernd Kämpf wechselt solistisch auf die Chorseite,
hier neben seinem Sohn Sebastian singend, Matthias Zimmermann ist mit
Axel Hoffmann Tenorsolist im "Ehre sei dem Vater" des Psalm
111, das Günter Gruschwitz in den einzelnen Psalmschlüsscn immer
wieder variiert auskomponiert hat.
Dem vorbildlich singenden Chor hat die Einstudierung des Chorwerkes sichtlich
und hörbar Spaß gemacht, die absolut sauber musizierenden Bläser
gestatten, mit wechselnder Aufstellung im Kirchenraum, das klangprächtige
Intermedium I und II. Pfarrer Werner Zupp ist als Lektor eingebunden mit
dem Evangelium vom Weinstock nach Johannes. In der gewaltigen Schlussapotheose
sind alle vereint - Solisten, Chor, volles Orchester (mit Röhrenglocken):
"Ehre sei dem Vater...".
Minutenlanger, stürmischer Beifall der begeisterten Zuhörer
für alle Mitwirkenden und den Komponisten Günter Gruschwitz,
der die Beifallsbekundungen gerührt entgegennimmt und dann beim abschließenden
136. Psalm von Heinrich Schütz selbst als Chorsänger in den
Chor schlüpft.
Für diesen imposanten Abschluss hat Bernd Kämpf noch einmal
alle Mitwirkenden im Kirchenschiff und auf der Empore verteilt - ein verblüffender
"Raumklang", bevor noch einige stille Takte aus der Gruschwitz-Vesper
als Zugabe erklingen. Wieder brandet der Beifall für den Altmeister
der Neuwieder Kirchenmusik auf, dem man noch viele solcher hervorragender
kompositorischer Einfälle wünschen möchte, und eine weite
Verbreitung seiner jetzt uraufgeführten Vesper.
Herbert Kutscher
aus: Rhein-Zeitung, 6.5.2004
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