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Meisterhafte Reise durch 100 Jahre Musikgeschichte
Konzert in der Neuwieder Marktkirche mit Sylvain Cambreling, Nachwuchsdirigenten
und der EuropaChorAkademie
NEUWIED. Eine Woche lang hatte der weltbekannte Dirigent Sylvain
Cambreling im Rahmen der Villa Musica Kooperationen 2004 junge Dirigentinnen
und Dirigenten in Sachen Chordirigat getrimmt. Cambreling ist derzeit
Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und designierter
Musikdirektor der Pariser Oper. Als Probe-Medium fungierte eine
der besten europäischen Chorvereinigungen: Die EuropaChorAkademie
von Joshard Daus, in der junge Menschen aus ganz Europa musikalisch
zusammengeführt sind.
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In einem Werkstattkonzert mit ausschließlich französischer
Chormusik präsentierte Cambreling das herausragende Ergebnis
der Arbeitsphase jetzt einem erstaunten Publikum in der gut besuchten
Neuwieder Marktkirche. Es waren verschiedene Nationalitäten
im nur französisch singenden, 24-stimmigen Chor. Darunter war
allerdings kein Franzose, wie Cambreling schmunzelnd bemerkte -
wobei es eine erstaunliche Leistung war, die schwierigen und teilweise
textlich äußerst vertrackten Chorwerke von Berlioz, Faure,
Debussy, Ravel, Poulenc und Absil in dieser Präzision und sprachlichen
Gewandtheit zum Vortrag zu bringen.
Einziger Franzose im einwöchigen Projekt "Französische
Chormusik" war demnach der Dozent selbst, Sylvain Cambreling,
der charmant plaudernd Werke und kompositorische Zusammenhänge
erklärte und es sich nicht nehmen ließ, als Dirigent
selbst den Auftakt ("Tando ergo" von Hector Berlioz) und
Schlusspunkt ("Trois chansons" von Claude Debussy) zu
setzen. Ein schweres Repertoire französischer Chormusik hatte
man gemeinsam erarbeitet und es war interessant, bei den unmittelbar
hintereinander agierenden Nachwuchsdirigenten einerseits die verschiedenen
Dirigiertechniken zu studieren, andererseits aber auch zu beobachten,
wie die geschmeidigen Dirigierbewegungen des Meisters auf die Kursteilnehmer
abgefärbt haben.
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Kaum auf den Programmzetteln deutscher Chöre, auch namhafter
Kammerchöre, stehen die wunderschönen französischen
Chorwerke namhafter Komponisten, in denen, wie Sylvain Cambreling
betont, die "Weichheit der französischen Chormusik präsent
ist". So die "Cantique de Jean Racine" von Gabriel
Fauré, von Susanne Blumenthai engagiert dirigiert, oder die
in enger musikalischer Verbindung zu den zwei Mal erklingenden "Trois
chansons" von Claude Debussy stehenden "Trois chansons
pour coeur mixte" von Maurice Ravel, die Ronen Nissan und Carlos
Chamorro präsentierten, da~runter das schon für Franzosen
schwer auszusprechende, zungenbrecherische "Ronde" - großes
Kompliment und eine besondere Herausforderung für den aus verschiedenen
Nationen gemischten Chor!

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Eher rustikal war die pathetische Huldigung von Hector Berlioz
an die Bretagne - "Le chant des Bretons", dirigiert von
Björn Huestege. Reine Harmonien im "Soir de neige",
dem 1944 im Zweiten Weltkrieg, entstandenen "Schneeabend"
von Francis Poulenc, Klangbilder wie musikalische Aquarellmalerei,
von Christian Ludwig und Jüan Noval (der für das Dirigat
aus dem Chor heraustrat) mit dem sensibel reagierenden Chor gemalt,
hingetupft... Schon gar nicht bekannt in Deutschland die Werke des
belgischen Komponisten Jean Absil, Zeitgenosse von Francis Poulenc
und zu diesem in enger musikalischer Verwandtschaft stehend, mit
seinem Zyklus "Bestiaire", in dem er 1944 auf Texte von
Guillaume Apollinaire in jeweils anderer Tonsprache Tiere chorisch
beschreibt - Pedros vier Dromedare, den rückwärts gehenden
Krebs, den Karpfen als "Fisch der Melancholie", den Pfau,
der beim Radschlagen sein Hinterteil enthüllt und die ums Haus
schleichende Katze. Barbara Kler kam hier als zweite "Seminardame"
zu ihrem Dirigiereinsatz.

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Für die subtile chorische Reise durch 100 Jahre Musikgeschichte
gab es begeisterten Beifall und standing ovations des Publikums
in der Gewissheit, einem in jeder Beziehung außergewöhnlichen
Konzert beigewohnt zu haben: mit einem Meisterdirigenten, jungen,
hoffnungsvollen Nachwuchstalenten und einer meisterhaft singenden
EuropaChorAkademie - so atemberaubend schön und schillernd
kann Chorgesang tatsächlich sein!
Herbert Kutscher
aus: Rhein-Zeitung, 11.5.2004
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