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Konzertbesprechung "Tschechische Orgelmusik", 22.6.2001

Studentenlieder und ein Hexentanz auf der Orgel


Die Prager Organistin Irena Chribková spielte selten gehörte Stücke in der Neuwieder Marktkirche und begeisterte Publikum

NEUWIED. "Sie werden heute Abend nur Orgelwerke erleben, die noch nie in der Marktkirche erklungen sind", versprach Kantor Thomas Schmidt bei seiner Begrüßung zum Orgelkonzert mit tschechischer Orgelmusik, mustergültig interpretiert von der bekannten Irena Chribková, Organistin an der St. Jakobs-Basilika in Prag.

Während einem üblicherweise bei tschechischer Musik zunächst einmal Dvorak und Smetana einfallen, zeigte dieses Orgelkonzert tschechische Kompositionskunst von Barock bis zur Moderne. Quasi etwas verhalten begann Irena Chribková, eher zum "Einspielen" dienten die ersten beiden Stücke tschechischer Barockmeister, die recht gefällige Toccata und Fuge d-moll von Josef Ferdinand Seger und die Fuga C-Dur des in Wien verstorbenen Ostböhmen Jan Krtitel Vanhal. In düstere d-moll Klänge hüllt Jan Kuchar zunächst seine Fantasie, die er dann eher verspielt, mit hohen Tönen im Stile einer Flötenuhr, enden lässt.

Bei der 1970 entstandenen Toccata dramatica des zeitgenössischen Brünner Komponisten Petr Fiala, die ihrem Namen alle Ehre macht, zog die Prager Organistin erstmals "volles Rohr", dramatische Klänge, eine aufwühlende Wanderung über alle drei Manuale und das Pedal.

In jungen Jahren, 1912, schrieb der weltläufige Bohuslav Martinu mit "Vigilia" eines seiner wenigen Stücke für die Orgel, ein sehr belebtes, klangvolles Werk, das schließlich in einem langen Orgelpunkt endet.

Bei der großrahmig angelegeten Toccata und Fuge f-moll des rührigen Orgelkomponisten Bedrich Antonin Wiedermann, zwischen 1940 und 1950 wie die Interpretin Organist an St. Jakob in Prag, ließ Irena Chribková die Kleuker-Orgel in allen Schattierungen aufblühen und Thomas Schmidt geriet beim Registerziehen gehörig ins's Schwitzen - ein klangprächtiges Werk mit spätromantischen Anklängen.

Ihre Meisterschaft am Orgeltisch bewies die Prager Organistin dann endgültig mit dem abschließenden "Programm-Knüller". Aus einer Bühnenmusik für das Wiener Burgtheater entstand der Orgelzyklus "Faust" des zeitgenössischen Prager Komponisten Petr Eben - er wird demnächst mit dem "Europäischen Preis der Kirchenmusik" ausgezeichnet -, aus dem drei Stücke erklangen, verteufelt schwere, technisch fast nicht spielbare Orgelmusik, wie auch "Altmeister" Günter Gruschwitz neidlos anerkennen musste. Die "Studentenlieder", lustige, aber dann auch rauhe Gesänge, und "Walpurgisnacht", betonten dabei das "lärmende" Element Mephistos.

Im Hexensabbat auf der Kleuker-Orgel wurde der extatische Tanz durch den Choral "Aus tiefer Not schrei ich zu dir", der auch im Epilog noch einmal anklang, allmählich "zerfetzt" - ein erstaunliches und seltes gehörtes Kabinettstück auf der Orgel, meisterhaft dargeboten von einer Weltklasse-Organistin, deren herausragendes Konzert mehr Zuhörer verdient gehabt hätte.

Herbert Kutscher

 




Letzte Aktualisierung: 30.12.2005 *  © Musik in der Marktkirche Neuwied 1997 - 2005
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