Konzertkritik zu "Orgel und Saxophon" am 7.6.2001
(Rhein-Zeitung 18.6.01)
Wenn das Saxofon mit der
Kleuker-Orgel "tanzt" . . .
Mehr als ein Gag: Besonderes und ungewöhnliches Klangereignis erfreute
die Musikfreunde in der Neuwieder Marktkirche
NEUWIED. Schon manches ungewöhnliche Instrument hat Kreiskantor
Thomas Schmidt in den letzten Jahren mit "seiner" Kleuker-Orgel
in der Neuwieder Marktkirche kirchenmusikalisch kombiniert. Sicher kann
man dabei "Saxofon und Orgel" als besonderen Gag bezeichnen,
der neugierige Zuhörer anlockte.
Nichts Ungewöhnliches allerdings für Saxofonspezialist Manfred
Wordtmann, der seit vielen Jahren dieses Genre erfolgreich pflegt, gewürzt
mit vielen eigenen Kompositionen und Bearbeitungen, die man auch an diesem
Abend in der Marktkirche bewundern konnte.
Dabei sind die Eigenkompositionen auch Selbstzweck, gibt es doch fast
keine "Alt-Literatur" für das erst spät von Adolph
Sax erfundene und mehr als Jazzinstrument bekannte Saxofon und die Orgel.
Wie sich aber zeigen sollte, passen die "Königin der Instrumente"
und das moderne Saxofon klanglich hervorragend zusammen, man staunte über
die Klangvielfalt und den ausgesprochen harmonischen Zusammenklang der
beiden so unterschiedlichen Instrumente.
Flexibel vom Ton her und ausdrucksstark präsentierte sich das von
Manfred Wordtmann zunächst im Altarraum solistisch gespielte Altsaxofon
schon bei den einleitenden "Trois Mouvements" des 1952 geborenen
Solisten (Antiphon, Psalmodie, Nostalgie). Prächtige Klangentfaltung
im Zusammenspiel von Orgel und Saxophon in den ausgewählten Stücken
aus Leon Boellmann's "Orgel-Hit" Suite Gothique - in diesen
Schattierungen hat man das wunderbare Menuet Gothique wohl noch nicht
gehört.
Johann Sebastian Bach hätte wahrscheinlich seine helle Freude an
der Wordtmann-Bearbeitung seiner Sonate C-Dur für "polyphones"
Sopransaxofon und Orgel gehabt, wie auch Edvard Grieg an seinem umgearbeiteten
"Anitras Tanz" aus der Peer-Gynt-Suite - reizvoll, wie sich
Orgel und Saxofon tonlich "umtanzen".
Sehr intuitiv das Zusammenspiel von Thomas Schmidt (auch dem ungewöhnlichen
Saxophon ein kongenialer Partner) und Manfred Wordtmann auch bei dessen
Eigenkomposition "Départ" - eine flirrende, schwirrende
Abreise, und "Canzona" - beim weit ausschweifenden Lied mit
piccoliner Kuckucks-Schlußterz schweifen auch die Gedanken....
Zum experimentellen und viel beklatschten Mittelpunkt des Konzertes gerät
Wordtmanns "Dialog für einen Spieler", bei dem er getreu
dem kompositorischen Motto Orgel und Saxofon gleichzeitig spielt - ein
nerviger, nuancenreicher, manchmal dissonanter Selbstdialog, auch optisch
interessant zu beobachten, mit fast extatischen Schluß-Sequenzen.
Da tat es gut, bei der Zugabe mit Edvard Grieg's weltbekannten "Solveig's
Lied" noch einmal die Seele etwas baumeln zu lassen und in den von
Orgel und Saxofon ausgebreiteten Klanggefilden zu baden - wie immer, wenn
Thomas Schmidt im wahrsten Sinne des Wortes "die Hand im Spiel hat"
ein interessantes, musikalisch hochwertiges Konzerterlebnis, das Appetit
machte auf die weiteren in den nächsten Monaten ausstehenden Orgelkonzerte
in der Marktkirche.
Herbert Kutscher
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