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Orgelnacht dauerte sechs Stunden


Ungewöhnlicher Auftakt zur 100-Jahr-Feier des Evangelischen Kirchenchors: Sechs Organisten zogen in Engers alle Register

"Wenn schon 100-Jahr-Feier, dann richtig: Da muss alles zu Wort kommen, was in unserer Kirche singt und klingt", meinte Hermann Werner Pollmann, Kirchenmusiker an der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Engers, zu Beginn der dreitägigen Jubiläumsfeier "100 Jahre Evangelischer Kirchenchor Engers". Es begann mit einer großen Orgelnacht.

ENGERS. Sechs Stunden lang saßen sechs heimische Organisten für jeweils eine Stunde an der Opitz-Orgel, die sich bei diesem Orgel-Marathon trotz der "Dauerbeanspruchung" als ein allen Stilrichtungen gerecht werdender Klangkörper erwies.

Und es ging in der Tat sechs Stunden lang durch alle Musikepochen - Barock, Klassik, Romantik, Neuzeit. Eingeleitet wurde der Reigen um 18 Uhr von Gisbert Wüst (St. Medard Bendorf) mit der Fanfare D-Dur von Jaques-Nicolas Lemmens und beendet erst wenige Minuten vor Mitternacht von Kreiskantor Thomas Schmidt (Marktkirche Neuwied) mit der "Berliner Luft" (mit mitklatschendem Publikum!) und einem fetzigen "Sortie Es-Dur".

Thomas Schmidt setzte mit einer einstündigen, bewusst gewählten Aneinanderreihung von Ohrwürmern, von Händels "Feuerwerksmusik" über einen verjazzten Mozart, moderne Choralvorspiele, bei denen aus "Ich bete an die Macht der Liebe" eine "Polonaise of Love Power" wird, und dem selbst arrangierten "Heimweh nach dem Kurfürstendamm" einen ungewöhnlichen Schlusspunkt unter eine ebensolche Orgelnacht. Die bewies den vielen interessierten Zuhörern einmal mehr, welches Potenzial an hervorragenden Organisten und Organistinnen in Neuwied und Umgebung tätig ist.

Gisbert Wüst brachte zum Auftakt französische Orgelmusik von Cecar Franck, Alexandre Guilmant und Jehan Alain zu Gehör, aber auch verswingte, verblueste Variationen über das alte Lied "Frére Jaques" des zeitgenössischen Komponisten Hans Uwe Hielscher.

Brandaktuell zum Weltgeschehen eröffnete Thomas Sorger mit der 1929 im Nachgang zum Ersten Weltkrieg entstandenen Fantasia super "L'homme armé" ("Der Mensch, der Mensch bewaffnet..."). Die 1937 entstandene Sonate I von Paul Hindemith klingt für heutige Ohren erstaunlich normal, und die Eigenkomposition "Feinslieb", du hast mich g'fangen", eine Fantasie mit Beatles-Zitaten, trägt bei Thomas Sorger durchaus autobiographische Züge. Mit einem aufwühlenden Concert Piece von Flor Peeters beschloss er sein "Stundenkonzert".

Karsten Lüdtke von der Feldkirche sitzt nach ihm am Spieltisch und hat Bach im Gepäck, u.a. die "Dorische Toccata und Fuge" (gar nicht "dorisch", sondern reines d-moll) und ein Konzert d-moll nach Vivaldi, "abgeschrieben" von Bach, wie im Barock üblich. Nach stark moduliertem Bach-Präludium und Fuge D-Dur von Karsten Lüdtke übernimmt nahtlos Magdalene Knopp (St. Margaretha Heimbach-Weis) - ebenfalls mit Bach (Fantasie und Fuge und Triosante, eine Menge Noten!), der verzwickten Choralpartita "Was Gott tut, das ist wohlgetan" von Johann Pachelbel und einem Tupfer Romantik - "Präludium und Fuge c-moll" von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Besonders gespannt war man auf den jungen, hoffnungsvollen Organisten Lukas Stollhof, der eine schlichte Sonate D-Dur des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel von zwei klangprächtigen Werken des "alten" Bach einrahmen lässt. Einer der Höhepunkte dieser Orgelnacht ist dann die von Stollhof mit großem Atem gespielte gewaltige Rheinberger-Sonate Nr. 20 F-Dur ("Zur Friedensfeier"). Zur "Geisterstunde" kommt dann wie beschrieben Thomas Schmidt mit seinen "Rauswerfern".

Eine lobenswerte und nachahmenswerte Idee, diese Engerser Orgelnacht, die in beeindruckender Weise die klangliche Vielfalt der Orgel unter Beweis stellt, jenes Instrumentes, das zu Recht den Titel führt "Königin der Instrumente".


Herbert Kutscher




Letzte Aktualisierung: 30.12.2005 *  © Musik in der Marktkirche Neuwied 1997 - 2005
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