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Definition der Orgel

Versucht man, möglichst knapp zu umschreiben, was wir unter "Orgel" verstehen, so läuft man stets Gefahr, allzu enge Grenzen zu ziehen. Sprechen wir beispielsweise vom "wichtigsten liturgischen Musikinstrument der christlichen Kirche", so vergessen wir nicht nur, daß die Orgel aus vorchristlicher Zeit stammt, sondern auch, daß die christlichen Ostkirchen die Orgel nie gekannt haben. Und wo fände in dieser knappen Umschreibung die kleine Hausorgel einer Bauernstube, die große Kino-Orgel der Stummfilmzeit ihren Platz? Am besten und umfassendsten ist nach wie vor die musikwissenschaftliche, rein instrumentenkundliche Definition von Curt Sachs (1919): "Die Orgel ist ein Aerophon (Lufttöner) aus skalenmäßig gestimmten Eintonpfeifen, die durch ein Gebläse gespeist und durch Klaviaturen eingeschaltet werden."

Diese Umschreibung umfaßt mit der Aufzählung von Pfeifen, Gebläse und Klaviatur alle unabdingbaren Punkte. Es versteht sich dabei von selbst, daß diese drei Hauptelemente in einem sinnvollen Zusammenbau stehen müssen. Als eigentliches Herzstück dieses Zusammenbaues hat die sogenannte Windlade zu gelten, die Windverteilungsanlage des Instrumentes.. Auf ihr steht das Pfeifenwerk, zu ihr führen die Windkanäle des Gebläses und die Bewegungsimpulse der Klaviaturen.

Mit dieser Definition ist die Orgel aber zugleich auch sauber abgesetzt von typologischen Vorläufern und von gewissen Erzeugnissen neuerer Zeit, die sich des Namens der Orgel bedienen. Die antike Panflöte zum Beispiel besteht aus einer gewissen Anzahl zusammengebundener, skalenmäßig gestimmter Eintonpfeifen. Obwohl sie offensichtlich als Vorbild für den klingenden Teil der Orgel, die Pfeifenreihen, gedient hat, kann sie nicht als Orgel gelten, da sie weder Gebläse noch Klaviatur besitzt. Der Dudelsack (Sackpfeife) besitzt wohl ein Windmagazin, also eine Art Gebläse, sowie eine Melodie- und zwei bis drei Bordunpfeifen, aber keine Klaviatur. Das Akkordeon (Handorgel) ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Es besitzt sowohl eine Gebläse und Tastaturen, aber – wie auch das Harmonium – keine Pfeifen, sondern ausschließlich frei schwingende Metallzungen für die Tonerzeugung. (Übrigens findet man solche "Zungenregister" auch in unserer Kleuker-Orgel. Sie tragen die Namen "Posaune", "Trompete", "Schalmey", "Dulzian" oder "Bärpfeife" und erzeugen eine schnarrenden Klang. Anmerkg. von T.Schmidt) Die sogenannten "elektronischen Orgeln" endlich des 20. Jahrhunderts besitzen sowohl Klaviaturen, aber weder Gebläse noch Pfeifen; sie verwandeln die rein elektrischen Schwingungen der Tongeneratoren mittels Lautsprechern in hörbare Schallwellen.

Friedrich Jakob

 

 




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