Augenmusik
Ein Orgelkonzert für Gehörlose
Ein Konzert für Gehörlose - das klingt so absurd wie "Stummfilm
für Blinde". Trotzdem wollten die Marktkirche Neuwied und die
Gehörlosenschule ihren Schülern Musik nahebringen. Daß
das nicht auf üblichem Wege, sondern mit etwas anderen Mitteln geschehen
mußte, war klar.
Am
Mittwoch, dem 13. Juni 2001, kamen die Schülerinnen und Schüler
aus einer Gehörlosen- und einer Schwerhörigenklasse mit ihren
Lehrerinnen Frau Jacobs und Frau Blanke-Schramm in die Marktkirche, um
die Orgel zu hören und vor allem zu "erleben". Auch wer
nichts oder nur wenig hört, kann dennoch die Schwingungen dieser
Königin der Instrumente erfahren: Man kann die Hand ans Orgelgehäuse
legen oder die tiefen Töne über das Vibrieren des Bodens wahrnehmen.
Außerdem bietet eine Orgel große Extreme: Man kann sehr helle,
fast schrille Töne spielen, aber auch mit dem Orgelpedal dumpfe "wummernde"
Klänge erzeugen. Kreiskantor Thomas Schmidt erläuterte die Orgel
und spielte Musik, die man gleichzeitig auch sehen konnte. Auf einer Leinwand
wurden Bilder (Sonnenaufgang, Mond) gezeigt, zu der die passende Musik
erklang: Das Erschaffen von Sonne und Mond aus Joseph Haydns Oratorium
"Schöpfung".
Dann
erläuterte Schmidt den Kindern die Funktionsweise einer Orgel und
erklärte, warum sie auch "Königin der Instrumente"
heißt. Man kann nämlich mit einer Orgel viele Orchesterinstrumente
nachahmen. So spielte Schmidt zunächst ein paar Töne auf einer
Tuba und auf einer Trompete, anschließend ließ er die Orgel
mit den Klangfarben von Posaune (ein Tuba-Register ist in unserer Orgel
nicht enthalten) und Trompete erklingen. Selbst die absolut gehörlosen
Kinder (nicht alle waren hundertprozentig taub) konnten die Schwingungen
der Töne über die eigenen Füße spüren. Und wenn
man die Hand ans Orgelgehäuse legte, ließ sich auch erfahren,
daß Musik ganz schön kribbelnd sein kann. Für die ganz
tauben Kinder übersetzte Frau Jacobs die Erläuterungen in Gebärdensprache.
Klar, daß die Kinder die Orgel auch einmal selbst ausprobieren
wollten. Während einige die Leiter hinter der Orgel hochkletterten,
um einen Blick in das Instrument zu werfen, spielten andere auf der Klaviatur
und auf dem Orgelpedal: Ein ohrenbetäubender Lärm für normal
hörende Menschen, weil immer vier Kinder nebeneinander auf der Orgelbank
saßen und alle Tasten und Schalter ausprobierten, die das "Cockpit"
eines Orgelspieltisches zu bieten hat. Die gehörlosen Kinder hatten
aber hier einmal die Möglichkeit, ein Musikinstrument zu spielen.
Für die meisten war es vielleicht die erste und auch letzte Gelegenheit,
dies einmal zu tun.
Nach
der Besichtigung der Orgel, den Erläuterungen zur Bauweise und zu
den Klangfarben spielte Schmidt ein Werk, das nicht mit herkömmlichen
Noten geschrieben wurde, sondern in graphischer Notation. Das bedeutet:
Das Notenblatt enthält nicht die üblichen Noten, sondern Striche,
Punkte, dicke schwarze Balken (hier muß der Spieler der ganzen Arm
quer auf die Tasten legen und dann über die Klaviatur verschieben,
sog. Cluster). Das Werk "Volumina" des Ungarn György Ligeti
war 1962 ein Kompositionsauftrag von Radio Bremen. Für eine optisch-akustische
Vorstellung eignet es sich sehr gut; darum wurde es zum Mitlesen auf eine
Leinwand projiziert. Zum Abschluß der anderthalbstündigen Veranstaltung
spielte Schmidt eine Toccata, die nicht wie die übliche Orgelmusik
klingt, sondern eher wie eine Krimi-Musik. Dann mußten die Kinder
wieder zurück in die Schule gehen - um eine wesentliche Erfahrung
in ihrem Leben bereichert.
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